Javier Marías findet Sexszenen in Romanen furchtbar

Auf die Frage, was schwieriger zu beschreiben ist, Glück oder Unglück, antwortet der spanische Schriftsteller Javier Marías: „Mir fällt es leichter, Unglück zu beschreiben. In meinem Roman „Die sterblich Verliebten“ wird von einem sogenannten perfekten Paar erzählt. Kurz danach wird einer von beiden auf absurde Weise umgebracht.“ Im wahren Leben dauert das Glück manchmal Jahre. Das ist wunderbar, wenn es einem selbst passiert, aber dann hat man keine Geschichte. Die Wirklichkeit ist für Javier Marías ein schlechter Romancier. Auch deshalb, weil es Zufälle gibt und absolut unglaubliche Dinge. In einem Roman würde man viele Dinge nicht akzeptieren, die im wahren Leben passieren. Am schwersten zu schildern ist für den Bestsellerautor nicht ein bestimmtes Gefühl, sondern die Sexualität. Im Allgemeinen findet er Sexszenen in Romanen furchtbar.

Erotische Szenen zu beschreiben ist schwer

Die Sexszenen sind entweder sehr poetisch, lächerlich und abgeschmackt. Oder aber sehr ordinär und widerlich. Manchmal auch geradezu medizinisch. Javier Marías stellt fest, dass es beispielsweise in Filmen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren oft extrem gehetzte Sexszenen gibt: „Die Leute zerbrechen Gegenstände um sich herum. Sie machen es zum Beispiel auf einem Tisch – nie im Bett!“ Javier Marías erinnert sich noch an den Film „A History of Violence“ von David Cronenberg, in dem es eine Szene gab, in dem ein Paar im Treppenhaus Sex hat.

In seinen Romanen hat Javier Marías versucht, erotische Szenen zu schreiben, die der Leser auch als erotisch empfinden würde, was seiner Meinung nach schwer ist: „Sex oder Erotik muss nicht wild sein oder brutal oder gehetzt. Ich denke, es ist umso reizvoller, je weniger man beschreibt, je weniger man zeigt. Wenn es der Fantasie des Lesers überlassen bleibt, was genau passieren wird.“ Auf der ersten Seite seines neuen Romans „So fängt das Schlimme an“ beschreibt Javier Marías die Fiktion als die Zwillingschwester der Wirklichkeit.

Es wird immer wieder dieselbe Geschichte erzählt

Erfindung in der Fiktion ist nicht sehr facettenreich. Es ist mehr oder weniger ein und dieselbe Geschichte, die immer wieder in verschiedenen Zeiten erzählt wird. Javier Marías erklärt: „Das ist natürlich eine Übertreibung, aber das Material ist im Wesentlichen dasselbe für Shakespeare und die denkbar schlechteste TV-Serie. Es geht um Rache, Ehrgeiz, Gier, Eifersucht, um Leidenschaften und Heimlichkeiten.“ Der große Unterschied besteht nur darin, wie ein Schriftsteller mit dem Stoff umgeht. Im wahren Leben gibt es auch sehr wenig Variation.

In seinem neuen Roman „So fängt das Schlimme an“ verbindet Javier Marías die fiktive Handlung mit der spanische Geschichte. Seiner Meinung nach ist Spanien im Umgang mit seiner Vergangenheit auf einem Auge blind. Javier Marías erläutert: „Es ist kein politischer Roman, aber es gibt Andeutungen, was in Spanien nach Francos Tod passiert ist. Einige Menschen, die Schreckliches getan haben, oder zumindest viele Jahre lang mit der Diktatur kooperierten, präsentieren sich später als das genaue Gegenteil.“

Kurzbiographie: Javier Marías

Javier Marías, Jahrgang 1951, veröffentlichte seinen ersten Roman im Alter von neunzehn Jahren. Sein Roman „Mein Herz so weiß“ war 1992 ein internationaler Bestseller. Sein schriftstellerisches Werk gilt als Weltliteratur, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in über vierzig Sprachen übersetzt. Quelle: Die Welt kompakt

Von Hans Klumbies


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