Der Wunsch nach Erkenntnis ist ein Wesenszug des Menschen

Ina Schmidt stellt sich eine scheinbar recht einfache Frage: „Was und warum suchen wir überhaupt etwas und leben nicht so gut es eben geht mit dem, was bereits da ist?“ Die Menschen könnten auch daraus das Beste machen und es für das Gute halten. Wieso gelingt ihnen die Idee eines glücklichen Lebens so selten in dem, was ist? Aber das, was sie vorfinden, scheint ihnen irgendwie nicht zu reichen. Denn das, was sie da um sich herum zu erkennen glauben, ergibt einfach zu wenig Sinn: Angefangen von der menschlichen Erkenntnis, dass das Leben von Anfang an dazu bestimmt ist, zu Ende zu gehen, wozu also das Ganze? Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Dank ihres Staunens beginnen die Menschen zu philosophieren

Eine weitere Frage, die Ina Schmidt stellt, lautet: „Wie ringen wir der eigenen Vergänglichkeit ein wenig Ordnung, Sinnhaftigkeit oder eben auch „Glück“ ab?“ Viele Menschen machen sich auf die Suche, ob hinter dem, was sie sehen, nicht noch mehr versteckt ist. Nicht nur die Philosophie, die ja auch mancher Denker als Rüstzeug nutzen wollte, um das Sterben zu lernen, auch die Religion macht diesen menschlichen Wesenszug zu einem zentralen Thema. Der Wunsch nach Erkenntnis, nach Wissen, nach mehr oder besser treibt die Menschen offenbar an, ohne dass sie viel dafür oder dagegen tun können.

Die griechische Philosophie hat Momente, in denen existenzielle Fragen in einem Menschen aufsteigen, in denen er weiterfragt und über die Wirklichkeit stolpert, als Momente des „Staunens“ bezeichnet und sie nicht als zwingende Abweichung vom rechten Weg oder als störende Verwirrung, sondern als Anlass entzückender Entdeckungsfreude beschrieben. Aristoteles ist sicher, dass die Menschen „dank ihres Staunens […] heute wie vormals zu philosophieren beginnen. Diesen Beginn schreibt er eine einfache Frage zu: „Was ist das?“

Es gibt mehr als nur die sichtbare Welt

Diese Frage ist der schlichte Beginn des menschlichen Bedürfnisses nach Wissen und dem Glauben, dass es mehr zu entdecken gibt als das, was man sieht. Ina Schmidt erklärt: „Das muss und zwar nicht immer begeistern, aber es kann auch eine Form der Neugier sein, ein Glaube daran, dass das andere sogar das Bessere sein könnte, das unsere Fragen antreibt.“ Vor diesem Hintergrund erscheint die Suche der Menschen, ihr Wunsch nach Wissen und Verstehen – und damit der Beginn der Philosophie – in einem positiven Licht.

Es ist das Streben nach einer Weisheit, die Menschen das Leben ein bisschen besser verstehen lässt – ganz im Sinne Platons, dem Lehrer des Aristoteles, der „die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaftig liebt“, als den einzig möglichen Anfang der Philosophie beschrieb. Im Augenblick des Staunens machen Menschen also im Idealfall einen neuen, einen eigenen Anfang und blicken ganz unverstellt auf die Dinge, die ihnen begegnen – ihnen gelingt eine Perspektive, wie sie vielleicht nur der kindlichen Art und Weise vergleichbar ist, die die Dinge zum ersten Mal erblickt und in einen Kontext zu bringen versucht.

Von Hans Klumbies

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