Die Metamorphosen des Teufels sind voller Überraschungen

Gerade jene, die den Teufel gemeinsam mit dem lieben Gott ausgetrieben haben, die guten, braven und loyalen Materialisten, haben laut Henri Lefebvre die naivste dualistische Vorstellung der Welt begründet. Nämlich die Gegensätze zwischen den Guten und den Bösen, zwischen dem wir und den anderen sowie zwischen den positiven Helden und den negativen Schurken. Henri Lefebvre schreibt: „Auf ihre Art haben sie die Dialektik des Dämonischen und des Göttlichen, des Guten und des Bösen, des Lichts und der Finsternis fortgesetzt. Der Teufel rächt sich; gemeinsam mit dem lieben Gott kommt er durch die Hintertür wieder herein.“ Die Metamorphosen des Teufels sind vielfältig und voller Überraschungen. Ihre Spur durchzieht, sie belebend, ebenso die Geschichte Gottes wie die des Seins der Philosophen.

Jede Epoche und jedes Volk hatte seinen eigenen Teufel

Henri Lefebvre vertritt die These, dass der Teufel, je nach Epoche, Klasse und Klassenkampf, je nach Volk und Staat, ein anderer war. Seine Geschichte liefert die Kehrseite der offiziellen Geschichtsschreibung, ein enthüllendes Lehrstück. Henri Lefebvre schreibt: „Bis in unsere Tage hatte jede Epoche, jedes Volk, jede Klasse – ja selbst jede Gruppe, jede politische Partei – ihren Teufel, sah ihn, evozierte ihn, machte ihn, erlebte ihn, verfolgte dieses Bildnis und opferte es, erweckte es zu neuem Leben, um es abermals zu vernichten.“

Und da die meisten Menschen immer zuerst gegen etwas sind, bevor sie für etwas sind, kam dieser Verfolgung des imaginären und realen Ungeheuers stets die größte Bedeutung zu. Henri Lefebvre stellt sich die Frage, wo und wann der Teufel seinen Anfang hat. Für ihn ist die im Entstehen begriffen Kultur bemüht, die bereits den Dingen, Orten und Menschen Namen gegeben hat, das Bild der Natur zu dramatisieren und es für oftmals obskure Zwecke zu benutzen. Mythen, Symbole, Bilder gehen allerdings den Begriffen und Ideologien voraus.

Der Mythos vom Südenfall im Paradies besitzt eine erstaunliche Langzeitwirkung

Die Genesis hebt mit der bedingungslosen Lobrede auf die Abwesenheit von Wissbegierde an. Henri Lefebvre fügt hinzu: „Sie schreibt dem Fürsten des Bösen das Erstaunen zu, wodurch Erkenntnis, das Suchen nach Erkennen und zugleich die Verbindung von Genießen und Erkennen eingeleitet werden.“ Gott verbietet die Früchte vom Baum des Wissen und Genusses, der Teufel dagegen fordert Adam und Eva auf, den Apfel der Sünde zu pflücken. Henri Lefebvre stellt sich die Frage, warum die Menschen den Bannfluch akzeptieren, der auf jeden geworfen wird, den Schleier, der die Erkenntnis verhüllt, lüftet.

Indem er die Erkenntnis an die Randzonen des geregelten Lebens und der normierten Gesellschaft verbannt, sie der Hexerei und dem Teufelspakt gleichsetzt, besitzt der Mythos vom Sündenfall im Paradies eine unvergleichliche Langzeitwirkung. Die Menschen akzeptierten dies wahrscheinlich deshalb, weil die Erkenntnis etwas Schreckliches an sich hat, weil niemand weiß, was die Hülle verbirgt, weil in der Verfolgung der Lust etwas Riskantes liegt, weil Furcht herrscht und das Menschliche sich überflüssig wähnt.

 Kurzbiographie: Henri Lefebvre

Henri Lefebvre, der von 1901 bis 1991 lebte, war ein marxistischer Soziologe, Intellektueller und Philosoph. Lage bevor es Mode wurde, die Probleme des Alltagslebens auch für die Theorie der Philosophie, Soziologie und Ästhetik zu reklamieren, hat Henri Lefebvre die Dialektik zwischen Überbau – Kultur, Wissenschaften, Recht, Religion – und der Alltagswelt der Menschen zum Gegenstand der wissenschaftlichen Beobachtung gemacht.

Ein der aufschlussreichsten Arbeiten auf diesem Gebiet ist sein Buch „Einführung in die Modernität“ indem er Ideen, Symbole, menschliche Ausdrucksweisen und Einstellungen betrachtet, die das mitkonstituiert haben, was heute moderne Gesellschaft heißt. Henri Lefebvre zeigt einen Zusammenhang zwischen Handlungen und Problemen auf, in dem die Menschen sich wiedererkennen und der die Findung ihrer Identität ebenso wie ihre Deutung der Welt bestimmt.

Von Hans Klumbies

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