Selbst Kleinkinder sind vor Mobbing nicht sicher

Von Mobbing wissen nicht wenige Menschen eigene Erfahrungen zu berichten – manchmal haben sie sogar selbst darunter gelitten. Hans-Peter Nolting definiert Mobbing wie folgt: „Der Begriff meint aggressives Verhalten, das sich über einen längeren Zeitraum gegen eine bestimmte, den Angreifern unterlegene Person richtet.“ Eine einmalige schlechte Behandlung sowie wiederkehrende Attacken zwischen verfeindeten Rivalen sind kein Mobbing. Das Mobben kann sich in all jenen Verhaltensweisen manifestieren, die auch sonst unter den Begriff der Aggression fallen: körperliche Angriffe, Angriffe mit Worten oder Gesten sowie Ausgrenzungen, heimliche Verleumdungen und anderes mehr. Die bekanntesten Schauplätze von Mobbing sind die Schule und der Arbeitsplatz. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Mobbing in der Schule hat keine einzelne Ursache

Doch auch an vielen anderen Orten können Menschen gemobbt werden, etwa in Vereinen, im Altenheim oder im Gefängnis. Wie die Forschungen der Psychologin Françoise Alsaker gezeigt haben, gibt es Mobbing sogar schon im Kindergarten, und gemessen an den zuvor genannten Definitionsmerkmalen leidet manches Kind oder ein anderes Familienmitglied auch zu Hause unter Mobbing, ohne das es in diesem Kontext so genannt wird. In der Schule ist das Mobben überwiegend ein Gruppenphänomen.

Einzelne sind zwar die Antreiber, die gegen das Opfer Stimmung machen, sie mobben aber meistens mit einer Clique oder einem Teil der Klasse. Cybermobbing ist ebenfalls als koordinierte Aktion möglich, kann aber gleichfalls leicht von Einzelnen ausgeübt werden. Mobbing in der Schule hat keine einzelne Ursache. Es hat mit den Eigenschaften einzelner Schüler ebenso zu tun wie mit der Gesamtkonstellation in der Klasse, das heißt mit den dort bestehenden Rangordnungen, mit Cliquenbildungen, mit dem Klassenklima.

Mobbingopfern mangelt es häufig an sozialer Kompetenz

Und selbstverständlich spielt eine Rolle, wie die Lehrkräfte mit gestörten Schüler-Schüler-Beziehungen umgehen. Körperliche Merkmale der Mobbingopfer sind nicht der Grund für Mobbing. Körperliche Eigenheiten sind lediglich eine Zielscheibe des Spottes, aber nicht der eigentliche Grund für den Mobbingprozess. Wichtiger sind die psychischen Merkmale des Opfers. Hans-Peter Nolting weiß: „Überwiegend trifft es stille, gehemmte, ängstliche, vielleicht sogar depressive Kinder und Jugendliche.

Häufig mangelt es ihnen an sozialer Kompetenz, sie sind ungeschickt in der Kontaktaufnahme und im Kooperieren, haben kaum Freunde und nehmen in der Klasse nur eine Randstellung ein. In den Pausen stehen sie alleine, bei Mannschaftsspielen werden sie als Letzte gewählt. Ihre psychische Schwäche und die fehlende soziale Vernetzung machen sie zu einem „idealen“ Opfer. Durch die Angriffe werden sie noch verängstigter und ziehen sich noch weiter zurück – ein Teufelskreis. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies


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