Politik ist der Kampf um Macht

Ein soziales Bedürfnis mit großer Nähe zur Problematik der Aggression ist das Streben nach Macht. In gewissem Ausmaß Einfluss ausüben und eigene Absichten durchsetzen zu wollen ist keineswegs unsozial, sondern sogar notwendig für die Selbstentfaltung und Selbstbehauptung; die Alternative wäre völlige Unterwerfung. Hans-Peter Nolting fügt hinzu: „Wenn das Machtstreben jedoch ein angemessenes Maß überschreitet und mit aggressiven und gewalttätigen Mitteln umgesetzt wird, haben zwangsläufig andere Menschen darunter zu leiden.“ Das Streben nach Macht dient also dazu andere Menschen beeinflussen und kontrollieren zu können. Es ist das eigentliche Ziel, unabhängig von den anderen Vorteilen, die aus der Macht eventuell erwachsen. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Manchmal soll in der Politik eine Ideologie durchgesetzt werden

Nirgends hat der Gebrauch aggressiver Mittel so verheerende Auswirkungen wie im politischen Feld. Hans-Peter Nolting erklärt: „Politik ist die Ausübung von und der Kampf um Macht, und in vielen Teilen der Welt geschieht dies durch schwere Gewaltanwendung, begleitet von feindseliger Propaganda.“ In manchen Fällen wird vornehmlich um die Macht gekämpft, weil sie zugleich die Kontrolle über Bodenschätze und andere Reichtümer bedeutet. In anderen Fällen steht die Durchsetzung einer Ideologie im Vordergrund, das heißt, die Erschaffung einer Welt, die in den Augen der Ideologen eine bessere und wertvollere ist.

Es gehört sicher zu den tragischen Ironien in der Geschichte der Menschheit, dass immer wieder Gewalt in allerschlimmsten Formen verübt wird, wenn politische oder religiöse Gruppierungen ihre Idee vom „Guten“ und „Wahren“ durchzusetzen versuchen. Es handelt sich hierbei um instrumentelle Aggression, sofern die Erlangung oder Erhaltung von Macht im Vordergrund steht und nicht etwa Vernichtung aus Hass. Die Akteure handeln hier aus idealistischen Gründen. Gerade dies macht die Beteiligung an solcher Gewalt für manche Menschen so attraktiv.

Die Aggressiven sind nicht die Gewinner

Auf die Frage, ob aggressives Verhalten Gewinn bringt, antwortet Hans-Peter Nolting wie folgt: „Ja, soweit Menschen dadurch Güter, Beachtung, Anerkennung oder Macht erlangen, kann man das so sehen. Aber das heißt nicht: Die Aggressiven sind die Gewinner.“ Denn die Frage ist, ob zweckgerichtete Aggression erfolgreicher ist als denkbare Alternativen. Und da wir die Bilanz in den meisten Fällen wohl negativ ausfallen. Denn häufig werden nur kurzfristige Erfolge erzielt, und etliche Nebenwirkungen schmälern die Erfolgsbilanz beträchtlich.

Viele Menschen zerstören durch aggressives Verhalten ihre Paarbeziehungen und Freundschaften. Auch mächtige Diktatoren sind häufig einsame Menschen und ständig auf der Hut vor Feinden. Kriminelle Bereicherung bring oft ein jahreslanges Versteckspiel vor den Fahndern mit sich und später verschlossene Türen bei dem Versuch, ein bürgerliches Leben aufzubauen. Aggressive Handlungen dienen nicht nur dazu, Vorteile zu erlangen, sondern auch, Nachteile abzuwenden. Diese Art der zweckgerichteten Aggression ist unter den Begriffen Verteidigung oder Abwehr bekannt. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies


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