Auch Angst kann ein Motiv für Aggression sein

So wie Gewalt ein Mittel des Erwerbs von Macht sein kann, dient sich auch der Abwendung des Verlusts der Macht. Insbesondere Politiker in diktatorischen Systemen bangen nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre Machtposition und bauen deshalb riesige Sicherheitsapparate auf, mit denen politische Gegner aufgespürt, bestraft und vernichtet werden. Hans-Peter Nolting fügt hinzu: „Angst vor dem Verlust der Macht kann aber auch im familiären Bereich ein Motiv für Drohungen und Gewaltanwendung sein, so etwa, wenn sich ein einer Familie mit patriarchalischer Struktur die Frau der Kontrolle des Mannes oder ein Kind sich der Kontrolle der Eltern zu entziehen droht. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Aggressive Abwehr findet man nicht nur in Gestalt von physischer Gewalt

Darüber hinaus versuchen Menschen nicht nur reale, sondern auch vermeintliche Gefahren abzuwenden. So werden zuweilen „Hexen“, „Homosexuelle“ oder Andersgläubige bekämpft, von denen angeblich „Unheil“ ausgeht. Doch angstmotivierte aggressive Abwehr findet man nicht nur in Gestalt von physischer Gewalt. Man kann auch unangenehme Fragen als bedrohlich empfinden und in barschem Ton zurückweisen – in einer politischen Pressekonferenz ebenso wie am familiären Mittagstisch. Einige Menschen reagieren zudem besonders heftig auf Bemerkungen, die sie als Bedrohung ihrer überhöhten Selbsteinschätzung empfinden.

Bei vielen der genannten Beispiele mag man sich fragen, ob die Emotionen hinter der aggressiven Abwehr immer Angst ist oder auch Ärger sein kann. Sehr häufig ist es sicher eine Mischung. Bei anderen aggressiven Reaktionen der Abwehr spielt Angst hingegen keine Rolle, sondern nur Ärger, und zwar dann, wenn man nicht auf eine Bedrohung reagiert, sondern auf einen Anlass, der in weitem Sinne als Belästigung zu bezeichnen wäre. Hierzu zählen zum Beispiel störendes Verhalten oder auch Aufgaben und Pflichten, die ein Mensch als unangenehm empfindet.

Im realen Leben überwiegen meist undramatische Racheakte

Aggressive Reaktionen der Abwehr müssen also nicht immer durch Angst um Leib und Seele motiviert sein; man kann damit auch sein Eigentum, seine Bequemlichkeit oder seine Seelenruhe schützen wollen. Sofern eine aggressive Reaktion genau diesem Ziel dienen soll, eine Bedrohung oder Belästigung zu beenden oder zu verhindern, handelt es sich um ein zweckgerichtetes Verhalten und insofern um eine Variante instrumenteller Aggression. Doch verglichen mit der Erlangungsaggression, die zuweilen ganz kühl und kalkuliert ausgeführt wird, ist die Abwehraggression deutlich emotionaler.

Die Vergeltung oder emotionaler die Rache ist ein seit Urzeiten bekanntes und weltweit verbreitetes Phänomen. In der Literatur, die sich dieses Themas immer wieder angenommen hat, enden die Racheakte häufig in einer Katastrophe, auch für die Rächer – und so ist es bisweilen auch im realen Leben. Dort überwiegen zum Glück allerdings vergleichsweise undramatische Racheakte: eine Kollegin ein bisschen schlechtmachen, ein anderes Kind nicht mitspielen lassen, für einen Nachbarn ein Paket nicht annehmen und andere kleine Retourkutschen. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies

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