Die Wiedervereinigung des Kontinents rückte Deutschland ins Zentrum

Mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 war die Deutsche Frage wieder offen. Vierzig Jahre lang war Deutschland geteilt gewesen, und die Konfliktlinie des Kalten Krieges war mitten durch das Land verlaufen. Auf einem Kontinent, der von zwei externen Supermächten dominiert wurde, waren beide Deutschlands verwundbar. Die Bundesrepublik war zuvor ein halbsouveräner Staat, der in Sachen Sicherheit von den USA abhing. Hans Kundnani fügt hinzu: „Deshalb war es allein schon aus sicherheitspolitischen Erwägungen erforderlich, dass die Bundesrepublik ein Teil des Westens war.“ Doch der Fall der Berliner Mauer und die anschließende Transformation Europas veränderten die Parameter deutscher Außenpolitik. Tatsächlich hatten sich mit dem Ende des Europas, das 1945 von den Großen Drei in Jalta geschaffen worden war, die geopolitischen Realitäten genauso grundlegend geändert wie damals 1871 mit der Gründung des Deutschen Reichs. Der Politikwissenschaftler Hans Kundnani ist Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund.

US-Präsident George Bush sprach sich für die deutsche Wiedervereinigung aus

Hans Kundnani erklärt: „Als die DDR hinzukam, hatte die Bundesrepublik auf einen Schlag 17 Millionen Einwohner mehr und war damit deutlich größer als Frankreich oder Großbritannien.“ Sie hatte nunmehr wieder das erreicht, was Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler von 1966 bis 1969, als „kritische Größenordnung“ bezeichnet hatte. Zudem bedeutete die umfassende Transformation Europas auch, dass Deutschland plötzlich wieder von einer Grenz- in eine Mittelage gerückt war. Die Wiedervereinigung des Kontinents rückte Deutschland, nicht Frankreich ins Zentrum.

Die Vorstellung von Deutschland als Zentralmacht in Europa weckte alte Ängste. So war zum Beispiel die britische Premierministerin Margaret Thatcher der Ansicht, aufgrund des deutschen „Nationalcharakters“ sowie der Größe und Lage des Landes in der Mitte Europas sei Deutschland „vom Wesen her eher eine destabilisierende Kraft im europäischen Gefüge. Doch als der amerikanische Präsident George Bush sich für die deutsche Wiedervereinigung aussprach und Michail Gorbatschow sie nicht aufhalten konnte, war sie in den folgenden Monaten fast völlig isoliert.

Die Europäische Gemeinschaft sollte der Macht Deutschlands Grenzen setzen

In den Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer erschien François Mitterrand zunehmend eine stärkere europäische Integration als mögliche Lösung der Deutschen Frage. Hans Kundnani erläutert: „Damit führte François Mitterrand das Denken der französischen Nachkriegspolitiker fort, die Deutschland mit Hilfe der europäischen Integration im Zaum halten wollten. Die Europäische Gemeinschaft wurde nicht zuletzt deshalb geschaffen, um deutscher Macht Grenzen zu setzen – anfangs war das womöglich sogar der wichtigste Antrieb, der hinter der europäischen Integration stand.

Insbesondere durch die Zusammenführung der Kohle- und Stahlindustrien hatte Robert Schuman einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland „materiell unmöglich“ machen wollen. Nach der Wiedervereinigung jedoch war Frankreich von zwei widersprüchlichen Ängsten getrieben: einerseits, dass Deutschland es im „Alleingang“ versuchte, seine europäische Neigung aufgab und zu einer Bismarck`schen Außenpolitik zurückkehrte; und andererseits, dass ein geeintes Deutschland möglicherweise zu groß war für die Institutionen, die es im Zaum halten sollten. Quelle: „German Power“ von Hans Kundnani

Von Hans Klumbies


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