Große Kulturen haben niemals autochthone oder nationale Wurzeln

Wie kein anderes Volk der Antike suchten die Griechen nach Erkenntnis und versahen die Dinge mit Namen. Schon das Wort „Philosophie“, „Weisheitsliebe“, entstammt der griechischen Sprache. Bernd Roeck erläutert: „Mit der ionischen Naturphilosophie zeigt sich das Fragen und Forschen, die Erkundigung, „historie“, erstmals als systematisches Unterfangen.“ Zur kommunikationsfreudigen Geografie des Mittelmeers, zu politischen und sozialen Umständen kam ein weiterer, das Gespräch bereichernder Faktor: die Beziehungen zum Orient. Große Kulturen haben niemals autochthone oder nationale Wurzeln. Sie entstehen durch Austausch und fruchtbaren Streit. So verdankt griechischer Geist dem Orient mehr, als das Geschichtsbild des humanistischen Gymnasiums wahrnahm. Die griechische Skulptur zum Beispiel nimmt mit Kulturtransfers aus Ägypten ihren Anfang. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.

Griechenlands Denker trieb als erstes das Staunen um

Selbst Dichtung und Philosophie, die lange als ureigenste Erfindung der Hellenen galten, bezogen Anregungen aus östlichen Mythen über die Entstehung der Welt und aus orientalischen Weisheitslehren. Bernd Roeck ergänzt: „Phöniker lehrten die Griechen nicht nur buchstabieren, sie machten ebenso wie die Sumerer, die wenigsten in Zeiten der Not demokratieähnliche Verfahren kannten, vor, wie man Städte baut und Politik organisiert.“ Mit der Zeit kristallisierten sich verschiedene Zentralorte des griechischen Denkkosmos heraus.

Zunächst, zur Zeit der ionischen Naturphilosophen, traten die reiche Handelsstadt Milet und das unteritalische Elea hervor; dann war Athen „Lehrerin der Hellas“ und schließlich Alexandria. Das weitaus meiste von dem, was die Vorsokratiker und auch Spätere schrieben, ist allerdings verloren. Nur durch Darstellungen von Autoren, die oft viele Jahrhunderte später lebten, ist einiges überliefert. Was blieb, veränderte die Welt. Griechenlands Denker trieb als erstes das Staunen um – Staunen über die Natur, das All, den Menschen.

Viele der griechischen Vorsokratiker waren Kosmopoliten

Platon sagt: „Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als das Erstaunen.“ Viele dieser griechischen Sucher und Wanderer waren, wie Diogenes sich selbst nannte, Kosmopoliten: Bürger des Alls, keinem Staat untergetan. Ihre Neugier trieb sie in die Ferne, zur Welterkundung im wörtlichen Sinn. Die Griechen waren die großartigsten Frager der Weltgeschichte. Als erste machten sie sich auf, zweckfrei und unter Gebrauch ihrer Vernunft nach Wahrheit zu suchen. Die Vielfalt der Erkundigungen der Vorsokratiker war einzigartig. Bernd Roeck nennt Beispiele: „Sie erkundeten die Seele und beschäftigten sich mit der Natur der Götter, mit der Struktur der Materie, den Bauprinzipien des Kosmos.“

Sie kannten eine Naturphilosophie, für die das Göttliche alle Materie durchwirkte, aber auch den Materialismus Demokrits, für den selbst die Seele aus Atomen bestand. Raunende Mystik und granitene Dogmatik brachte die vorsokratische Philosophie ebenso hervor wie kühle Skepsis, der nichts heilig war. Sie legte – in Gestalt des Arztes Hippokrates von Kos, der um 400 v. Chr. wirkte – einer rationalen Medizin den Grund und begann mit der Erforschung der Tiere und Pflanzen. Das Gesetz der Kausalität wurde zuerst in griechischer Sprache niedergeschrieben, auch die Lehre vom vernünftigen Denken und Schließen, „logike techne“. Quelle: „Der Morgen der Welt“ von Bernd Roeck

Von Hans Klumbies

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