Heutzutage dreht sich alles um Erlebnisse und Ablenkung

Die meisten Konsumenten kommen kaum noch zu sich, weil andere längst da sind, um sie abzufüllen. Händler der Aufmerksamkeit beballern sie mit gezielter Werbung, schießen ihre Gehirne sturmreif. Die Menschen kaufen und werfen weg. Sie ordnen ein und sortieren aus. Sie leben in einer Zeit, in der sich alles um Erlebnisse und Ablenkung dreht, die mit Werbung betäubt und mit Daten wuchert. Gerald Hüther ergänzt: „Und immer wieder der bange Blick auf den Bildschirm, ob es blinkt. Oder brummt. Denn wir leben in einer aufgeregten Zeit. Das Smartphone macht, dass wir keine Sekunde mehr nichts zu tun haben. Wer mit wem was hat.“ Wenn man will, bekommt man so ziemlich alles mit. Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern in Deutschland.

Die meisten Menschen sind zu Gefangenen geworden von Annahme und Vorurteil

Was man früher einem Menschen anvertraute, kann man heute innerhalb von Sekunden mit Tausenden teilen. Das Dumme ist nur: Man registriert mehr, als man verarbeiten kann. Und beschäftigt sich mit vielen Dingen, die nicht die eigenen sind. Für alles gibt es ein Wort. Und für nichts hat man mehr Zeit. Die meisten Menschen sind zu Gefangenen geworden von Annahme und Vorurteil, Bewertung und Absicht. Wissenschaftler, Techniker und Vordenker haben an den besten Universitäten gelernt, wie man auf Kosten anderer Profite macht.

Nicht gelernt aber haben sie, dass jemand, der einen anderen Menschen zur Realisierung seiner persönlichen Absichten und Ziele benutzt, nicht nur dessen, sondern vor allem seine eigene Würde verletzt. Die Würde wird im Unterricht eher mit Grammatik in Zusammenhang gebracht. Ein Begriff aus dem Konjunktiv: Er, sie, es würde etwas tun. Schon in der Schule wird aus dem Gestalter seines eigenen Seins jemand, der verwaltet wird. Der Schüler ist dem System ausgeliefert. Ihm bleibt die Erfahrung eigener Würde versagt.

Viele Schulen sind Dressurstätten und dienen der Selektion

Gerald Hüther weiß: „Es hat in den vergangenen Jahren viele Versuche gegeben, den Unterricht zu reformieren. Es gibt viele Lehrer, die einfallsreich sind und zugewandt, es gibt großartige Initiativen und mutige Pädagogen. Aber auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts müssen wir feststellen: Viel zu viele Schulen sind noch immer militärisch organisiert.“ Sie sind Dressurstätten und dienen der Selektion. Schüler haben sich zu fügen, haben zu gehorchen, es geht hier nicht um ihren Willen. Andere über ihnen haben beschlossen, was sie wann zu lernen haben und in welcher Reihenfolge.

Aus einem der schönsten Wörter der deutschen Sprache ist eine Pflicht geworden: Lernen. Das, was jeder Mensch aus sich heraus gerne tut, sich und die Welt zu begreifen, Fragen zu stellen und wirklich nach einer Antwort zu suchen, hat hier wenig Bedeutung. Vorne eine Tafel und ein Lehrer und sitzend, an Zweiertischen, gelangweilte Jungen und Mädchen. In kleinen Räumen, die keinen Platz bieten für viel Fantasie. In einfallslosen Gebäuden, die nichts erwarten lassen. Wo, wenn man Glück hat, die Toiletten einigermaßen sauber sind un die Räume nicht verwahrlost. Quelle: „Würde“ von Gerald Hüther

Von Hans Klumbies

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