In einer überforderten Gesellschaft leidet die Psyche der Menschen

Die deutsche Gesellschaft ist heute „gefühlt“ und tatsächlich mit enormen Belastungen konfrontiert. Die als bedrohlich empfundenen politischen Entwicklungen haben nicht nur Auswirkungen auf die Psyche der Deutschen, sondern auch auf ihr Leistungsvermögen. Eine Beobachtung erstaunt Georg Pieper bei seinen Einsätzen als Notfallpsychologen immer wieder: „In realen oder vermeintlichen Gefahrensituationen haben wir nicht unbedingt Angst um uns selbst, sondern oft viel mehr um unsere Liebesten und unsere Mitmenschen.“ Selbst Menschen, die sich in höchst gefährlichen Situationen befanden, fürchteten viel weniger um ihr eigenes Leben oder ihre körperliche Unversehrtheit als um das Wohlergehen ihrer Angehörigen. Das ist, glaubt Georg Pieper, ein angeborener Mechanismus des Menschen. Das man Angst um seine Lieben hat, ist natürlich an sich nichts Schlechtes. Dr. Georg Pieper arbeitet als Traumapsychologe und ist Experte für Krisenintervention.

Eltern haben verstärkte Angst um ihre Kinder

Wenn einen allerdings die eigene konkrete Lebenssituation oder die allgemeine Lage in der Gesellschaft stark belasten, kann die Angst um seine Lieben überhandnehmen, wie Georg Pieper es derzeit häufig bei Eltern beobachtet: „Die verstärkte Angst um ihre Kinder erleben Eltern dann als weitere Belastung bis hin zur Überforderung, und das wiederum kann auch auf die Kinder schädliche Auswirkungen haben.“ Georg Pieper sieht im Moment sehr deutlich, dass verschiedene Ängste bei Müttern und Vätern wirken.

Georg Pieper hat zum Beispiel mit jungen Eltern gesprochen, die massive Zukunftsängste beschäftigen. Sie machen sich keine Sorgen um ihre eigene Zukunft, sondern sie fragen sich angesichts der aktuellen Entwicklungen mit all den Kriegen, den Terroranschlägen und den politischen und gesellschaftlichen Spannungen in Europa und in Deutschland. Eltern von Teenagern, die einen Freiheitsdrang entwickeln, sich ausprobieren und in die Welt hinauswollen, sind ebenfalls in großer Sorge und versuchen ihre Kinder zu bremsen.

Ängstliche Kinder fühlen sich schnell überfordert

Georg Pieper schreibt: „Die Warnungen der Eltern vermischen sich mit den verstärkten Kontrollen, Sicherheitsmaßnahmen und Einschränkungen bei großen Partys, Ausflügen oder Reisen.“ Doch was von den Eltern gut gemeint ist und aus dem Wunsch heraus geschieht, ihre Kinder zu beschützen, tut der Entwicklung der Kinder gar nicht gut. Verstärkte Kontrollmaßnahmen führen dazu, dass Kinder verunsichert werden und selbst Ängste entwickeln. Durch zu viel Warnen und Einschränkungen geben Eltern ihre Befürchtungen an die Kinder weiter.

Die Kinder werden übervorsichtig und trauen sich nichts mehr zu. Sie können sich weniger bewähren und an ihren Erfahrungen wachsen. Aus der Lerntheorie wissen Psychologen, dass viele Ängste durch Lernprozesse entstehen. Das bedeutet, Kinder lernen von Eltern, die bestimmte Ängste zeigen, diese zu übernehmen. Georg Pieper befürchtet, in Zeiten verängstigter Eltern gibt es auch viele verängstigte Kinder, die lernen, dass die Außenwelt böse, feindlich und gefährlich ist. Ängstliche Kinder fühlen sich schnell überfordert. Sie sind weniger offen und skeptisch allem gegenüber, was außerhalb von den Eltern definierten, sicheren Welt ist. Quelle: „Die neuen Ängste“ von Georg Pieper

Von Hans Klumbies

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