Stimmungen bilden die unterste Schicht des seelischen Lebens

Selbstaufmerksamkeit definiert Georg Milzner als das Interesse an der eigenen Subjektivität. Sehr bedeutsam ist für einen fühlenden Menschen die Stimmung, die sein aktuelles Lebensgefühl prägt. Stimmungen bilden, so der Pädagoge und Philosoph Otto Friedrich Bollnow, als „Lebensgefühle“ die „unterste Schicht des seelischen Lebens“. Georg Milzner ergänzt: „Wo wir Stimmungen aufmerksam nachspüren, sind wir daher in verlässlicher Weise mit uns selbst in Kontakt. Wo die Fähigkeit, sich zu spüren, dagegen nachlässt, da wird in der Folge auch die Kompetenz eingeschränkt, das eigene Lebensgefühl zu ermessen.“ Ein Mensch kann durchaus meinen, er sei eigentlich glücklich. Bis er merkt, dass das eben nicht ganz stimmt. Ereignisse, die die eigene Selbsteinschätzung korrigieren, kann es viele geben. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Viele Menschen leiden an Selbstverlust

Die Wartezimmer vieler Psychotherapeuten sind gegenwärtig voll von Menschen, die sich gestern noch glücklich wähnten. Und die plötzlich von etwas heimgesucht wurden, worauf sie nicht im Mindesten vorbereitet waren. Woran liegt das? Georg Milzner erklärt: „Was uns später krank machen wird, erscheint uns zu einem früheren Zeitpunkt nicht der Aufmerksamkeit wert. Wir nehmen es einfach nicht wahr.“ Doch wenn das scheinbar Harmlose sich als das entpuppt, was es in Wahrheit ist, nämlich ein schleichend wirkendes Gift – dann ist es oft schon zu spät, um Leid und Erkrankung noch aufzuhalten.

Georg Milzner spricht bei dem, was vielen Menschen gegenwärtig in steigender Zahl widerfährt, von „Selbstverlust“. Im psychischen Zusammenhang versteht man unter Selbstverlust entweder einen Verlust an Identitäts- und Orientierungsgefühl. Die in dieser Weise vom Selbstverlust Betroffenen vermögen unter Umständen nicht zu sagen, wer sie sind, noch, wo sie herkommen oder was ihre Geschichte ist. Häufiger jedoch wird der Selbstverlust als Verlust der Beziehung zu sich selbst erlebt. So etwas ereignet sich oft als Folge schwerer Misshandlungen.

Selbstverlust tritt nicht in Stufen auf

Es gibt jedoch auch einen Selbstverlust, der in einer Entfremdung besteht. Er unterliegt keiner psychiatrischen Diagnose und kann, weil er sich so schwer zu erkennen gibt, sein Zerstörungswerk in aller Stille verrichten. Was Georg Milzner den „Selbstverlust“ nennt, vollzieht sich auf drei Weisen. Zunächst im Verlust der primären Selbstaufmerksamkeit. Sodann im Verlust an seelischer Tiefenwahrnehmung. Und schließlich im Verlust an innerem Halt und an innerer Ruhe. Dabei ist es wichtig, in den drei Formen des Selbstverlusts keine Stufenleiter zu erkennen.

Denn es kann zum Beispiel geschehen, dass etwa die primäre Selbstaufmerksamkeit ganz gut funktioniert, weil sie für eine Arbeit lebensnotwendig ist, die zweite Ebene jedoch vollkommen fehlt. Was Georg Milzner primäre Selbstaufmerksamkeit nennt, ist die Basis der körperlichen und emotionalen Intaktheit eines Menschen. Auf ihr basiert die Selbstregulierung, das Ausbalancieren zwischen dem, was der Organismus braucht, und dem, was man ihm zukommen lässt oder verweigert. Quelle: „Wir sind überall, nur nicht bei uns“ von Georg Milzner

Von Hans Klumbies

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