Gelassenheit ist die zentrale Zutat eines zufriedenen Lebens

Simon Hadler schreibt: „Leser von Boulevard- und Qualitätsmedien eint das Narrativ, dass es erstens eine unzweifelhafte Wahrheit gibt; zweitens, dass sie selbst die Wahrheit kennen; und drittens, dass sich der Kampf um die Durchsetzung der Wahrheit lohnt, obwohl er Opfer fordert, allen voran die Gelassenheit, immerhin zentrale Zutat eines dauerhaft zufriedenen Lebens.“ Eine große Zumutung des Lebens ist es, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu sein, wenn man nicht mit einem religiösen Jenseitsglauben gesegnet ist. Jeder von uns kommt zur Welt, stirbt am Ende und weiß das auch. Immerhin hat Immanuel Kant für das Individuum einen weltlichen Trost parat: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot. Er ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ Simon Hadler ist seit 1999 Redakteur bei ORF.at, seit 2009 leitender Kulturredakteur.

In dieser Welt gibt es für den Menschen kein Zurück mehr

Der brasilianische Medienphilosoph Vilém Flusser erklärt: „Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff gegen die Einsamkeit zum Tode.“ Zudem spricht er von der Verlorenheit des Menschen, der dadurch, dass er sich im Zuge der Menschwerdung seiner selbst bewusst geworden ist, aus der Selbstverständlichkeit, aus dem Einfach-nur-so-sein, aus der Welt der Tiere katapultiert wurde. Manche Tiere haben zwar ein Bewusstsein, aber eine Reflexion ihrer selbst samt Blick in eine weitere Zukunft ist ihnen nicht möglich. In diese Welt gibt es für den Menschen kein Zurück mehr.

Simon Hadler erläutert: „Der Mensch ist mit einem solchermaßen ausdifferenzierten Bewusstsein gesegnet – oder bestraft. Er ist dazu verdammt, sich zu überlegen, was er mit sich anfangen soll.“ Das ist, vereinfacht gesagt, die Einsamkeit, die Unsicherheit, mit der ein Mensch klarkommen muss, von der er sich ablenkt mit Kommunikation – sei es zwischenmenschlich, sei es Kultur, seien es empörte Social-Media-Einträge, in denen die jüngste politische Entwicklung kommentiert wird. Die Ablenkung will eine intensive sein, weil eben: wofür das Ganze, wenn man am Ende ohnehin stirbt?

Menschen leben aus pragmatischen Gründen in Gruppen

So widersprüchlich das klingt: Trotz dieser Einsamkeit ist das Individuum nicht allein. Schon früh haben sich Menschen aus pragmatischen Gründen dazu entschlossen, in Gruppen zu leben, obwohl das lästig ist, wie jeder weiß, der eine Familie hat und einen Arbeitsplatz und so weiter. Gruppen sind organisiert – und den Regeln der Organisation liegen Prämissen zugrunde, die zuvor entweder gesellschaftlich ausgehandelt wurden oder sich im Zusammenleben ausdifferenziert haben. Die Summe dieser Prämissen nennt man Moral.

Die Menschheit hat 95 Prozent ihrer Existenz in Jäger- und Sammlergemeinschaften verbracht, in denen die Kooperation besonders wichtig war. Simon Hadler ergänzt: „Wer sich kooperativ verhielt, der war wertvoll für die Gruppe und wurde von der Gruppe beschützt und unterstützt. Wer unkooperativ war, lief Gefahr, ausgestoßen zu werden.“ Bei der Partnerwahl galten also kooperative Individuen als attraktiv – sie versprachen für die ganze Familie Sicherheit. Das schließt einen Anteil an Egoismus nicht aus, weil ja nur der für die Gruppe etwas tun kann, der körperlich dazu in der Lage ist, was in den meisten Fällen bedeutet: Fitness ist sexy. Quelle: „Wirklich wahr!“ von Simon Hadler

Von Hans Klumbies

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