Geistige Unabhängigkeit setzt ruhige Tapferkeit voraus

„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter“, schrieb Kurt Tucholsky, „als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ Zunächst einmal ist es intellektuell und psychologisch schwierig, sich außerhalb des tradierten Wissens seiner Zeit und eines Ortes zu stellen. Timothy Garton Ash fügt hinzu: „Die normative Kraft des Faktischen bringt uns dazu, dass wir die Bedingungen in unserem Umfeld, die alle anderen für normal zu halten scheinen, in mancher Hinsicht auch als ethische Norm betrachten.“ Zahlreiche Studien in Verhaltenspsychologie beweisen, dass eine individuelle Überzeugung, was wahr oder richtig ist, durch den massiven Druck der Mitmenschen erschüttert wird. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

Erasmus von Rotterdam war ein Wegbereiter der Reformation

Die meisten Menschen sind, wie der amerikanische Schriftsteller Mark Twain feststellte, „verständige Schafe“. Aber Normen ändern sich, sogar im Lauf eines einzigen Lebens, und insbesondere seit die Menschen immer älter werden. Sich auch nur außerhalb der etablierten Normen seiner Zeit und seines Ortes zu stellen ist schon schwer genug; sich offen gegen diese Normen zu stellen ist noch schwieriger. Es lässt sich nicht bestreiten und schon gar nicht leugnen, dass es eine spezifisch westliche Tradition des Mutes im Kampf für die Meinungsfreiheit gibt.

Gegen Ende seines Lebens schrieb der deutsch-britische liberale Denker Ralf Dahrendorf ein Buch über die Linie politischer Intellektueller, die er als Erasmier bezeichnete und zu denen er auch den russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin zählte. Timothy Garton Ash erläutert: „Der Konflikt zwischen den zwei Geistern ist schon im 16. Jahrhundert in der Beziehung zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther manifest.“ Erasmus von Rotterdam, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, war ein Wegbereiter der Reformation.

Erasmus von Rotterdam: „Ich liebe die Freiheit“

Doch als Martin Luther seinen Bruch mit der katholischen Kirche vollzog, folgte ihm Erasmus von Rotterdam nicht. Seiner Ansicht nach mussten Männer guten Willens die Auseinandersetzung mit Zivilität und Vernunft innerhalb der Kirche austragen können. Derselbe Mensch kann verschiedene Qualitäten zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichem Ausmaß besitzen. Es gibt den Mut der Jugend und die Toleranz, die der Erfahrung entspringt. Ihre Kombination in einer Person ist nie ganz einfach.

Erasmier haben ihre eigene Form des Mutes oder vielleicht genauer gesagt der Tapferkeit. Timothy Garton Ash schreibt: „Ein Mensch braucht eine gewisse ruhige Tapferkeit, um seine geistige Unabhängigkeit zu bewahren, wenn sich alle in seinem Umfeld einer Partei anschließen.“ „Zu nichts gratuliere ich mir selbst mehr“, schrieb Erasmus von Rotterdam gegen Ende seines Lebens, „als zu der Tatsache, dass ich mich nie einer Partei angeschlossen habe.“ „Ich liebe die Freiheit“, hatte er auf Martin Luthers heftige Angriffe geantwortet, „und ich will nicht und kann nicht irgendeiner Partei dienen.“ Quelle: „Redefreiheit“ von Timothy Garton Ash

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.