Für François Jullien gibt keine kulturelle Identität

In einer globalisierten Welt fürchten sich viele Menschen vor dem Verlust ihrer kulturellen Identität. Doch gibt es überhaupt so etwas wie eine kulturelle Identität? In seinem neuen Buch „Es gibt keine kulturelle Identität“ zeigt François Jullien, dass der Glaube daran eine Illusion ist. Denn das Wesen einer Kultur ist die ständige Veränderung. Der Autor plädiert dafür, die Vielfalt der Bräuche, Traditionen und Sprachen als Ressourcen zu begreifen, die prinzipiell allen Menschen zur Verfügung stehen. Anders als die Werte, sind die Ressourcen einer Kultur nicht exklusiv – sie preisen sich nicht an und man predigt sie nicht. François Jullien ergänzt: „Man bringt sie vielmehr zur Geltung oder nicht, man aktiviert sie oder lässt sie verkommen; ob dies geschieht, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.“ François Jullien, geboren 1951 in Embrun, ist ein französischer Philosoph und Sinologe.

Das Universelle ist niemals vollständig

Um zu einem schlüssigen Konzept zu kommen, definiert François Jullien zunächst die Begriffe des Universellen, des Uniformen bzw. Gleichförmigen und des Gemeinsamen neu. Daraus folgt, dass der Anspruch der Universalität des Westens unhaltbar geworden ist. In einem Punkt ist sich François Jullien ganz sicher: „Mit einer bestimmten Form des Universellen kommt man nicht mehr weiter, nämlich mit jener des Totalisierens oder der Vollständigkeit.“ Das Universelle, um das man dagegen kämpfen muss, ist ein rebellisches Universelles, das niemals vollständig ist.

Nachdem François Jullien die konzeptionelle Unterscheidung zwischen Abstand und Differenz einmal getroffen hat, versteht der Leser, warum es keine kulturelle Identität geben kann. Es ist schließlich zu erkennen, dass das Kulturelle, auf welcher Ebene auch immer man es betrachtet, sich dadurch auszeichnet, dass es gleichzeitig vielfältig und einzigartig ist. Für François Jullien macht es das Wesen des Kulturellen aus, dass es sich in der Spannung – oder im Abstand – zwischen dem Vielfältigen und dem Einheitlichen entfaltet.

Niemand wird „seine“ Kultur jemals besitzen

Eine Kultur, die sich länger verändert, ist tot. Die Transformation ist der Ursprung des Kulturellen, und deshalb ist es unmöglich, kulturelle Charakteristiken zu fixieren oder von der Identität einer Kultur zu sprechen. Daher kann François Jullien auch keine Kultur verteidigen, sei es nun eine französische oder eine europäische. Er verteidigt vielmehr die kulturelle Fruchtbarkeit Frankreichs und Europas, wie sie sich durch erfinderische Abstände beziehungsweise Abweichungen entfaltet hat. Und dennoch wird er sie niemals besitzen.

Denn man sollte die Beziehung zwischen einem Menschen und einer Kultur daher in einer Weise neu denken, dass Ersterer nicht länger durch „seine“ Kultur festgelegt wird. François Jullien stellt am Ende seines Buchs folgende Forderung auf: „Wir müssen uns diesen beiden Bedrohungen – der Uniformisierung und dem Identitären – sorgfältig und beharrlich widersetzen. Und gestützt auf die erfinderische Kraft des Abstands, den Weg zu einem intensiven Gemeinsamen eröffnen.“

Es gibt keine kulturelle Identität
François Jullien
Verlag: Suhrkamp
Broschierte Ausgabe: 95 Seiten, Auflage 2: 2017
ISBN: 978-3-518-12718-6, 10,00 Euro

Von Hans Klumbies

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