Freude lässt sich durch zahlreiche Anreize erzeugen

Der große Universalgelehrte des 18. Jahrhunderts Jeremy Bentham beginnt sein einflussreichstes Werk mit den Worten. „Die Natur hat die Menschheit dem Regiment zweier oberster Gebieter unterstellt: Leid und Freude. Sie alleine legen uns nahe, was wir tun sollen, und sie alleine bestimmen, was wir dann wirklich tun. An ihrem Thron sind die Normen für Recht und Unrecht ebenso festgemacht wie die Kette von Ursachen und Wirkungen. Sie beherrschen in umfassender Weise unser Tun, unsere Reden, unser Denken.“ Tali Sharot nimmt sich die Freiheit zu vermuten, dass Jeremy Bentham die Begriffe „Freud“ und „Leid“ im weitesten Sinne benutzt hat, um gute und schlechte Gefühle zu beschreiben. Tali Sharot wurde an der New York University in Psychologie und Neurowissenschaften promoviert und ist Professorin am Institut für experimentelle Psychologie der University of London.

Menschen wollen physischem und emotionalen Leid aus dem Weg gehen

Freude, eine positive Emotion, lässt sich durch zahlreiche Anreize und Ereignisse erzeugen: mit materieller Belohnung, Zuwendung, Anerkennung, Bewunderung, Hoffnung – nach diesen Erfahrungen verlangt es die Menschen ständig aufs Neue. Hingegen versuchen sie physischem und emotionalem Leid aus dem Weg zu gehen, Krankheit und Tyrannei zu entrinnen, wollen keinen ihrer Liebsten verlieren und auch nichts von dem, was sie besitzen. Es verwundert daher Tali Sharot nicht, wenn man andere zum Handeln bewegen möchte, gerne mit Belohnungen winkt oder vor einem Verlust warnt.

Studien haben gezeigt, dass ein augenblickliches positives Feedback nicht immer gegeben werden muss, damit die Menschen das gewünschte Verhalten fortführen. Auch wenn das Lob aufhört, halten die Leute in vielen Fällen eine beträchtliche Zeitspanne an der eingeführten Handlung fest, einfach weil sie sich inzwischen in ihr Verhaltensrepertoire eingegraben hat. Genau diese Logik veranlasst aber auch Menschen oft dazu, anderer Leute Verhalten durch die Erzeugung von Angst beeinflussen zu wollen.

Tali Sharot beschreibt das Gesetz von Annäherung und Vermeidung

Tali Sharot weiß aber: „Gleichwohl motiviert völlig folgenloses positives Feedback sehr viel stärker zum Handeln als Warnungen oder Drohungen.“ Das mag merkwürdig scheinen, passt aber sehr gut zu dem, was Forscher inzwischen über das Gehirn herausgefunden haben. Geht es darum, jemanden zum Handeln zu bewegen, ist unmittelbare Belohnung unter Umständen sehr viel effizienter als eine in Aussicht gestellte Bestrafung in ferner Zukunft. Wenn man verstehen will, warum, muss man sich zuerst mit dem Gesetz von Annäherung und Vermeidung befassen.

Das Gesetz von Annäherung und Vermeidung besagt, dass man auf Menschen, Dinge und Ereignisse zugeht, von denen man glaubt, dass sie einem guttun, und solche meiden, die der eigenen Person Schaden zufügen können. Tali Sharot fasst zusammen: „Wir bewegen uns Richtung Freud und weg vom Leid.“ Wer noch nicht über diese Verhaltensregel nachgedacht hat, sollte dies schleunigst tun. Wie viele Menschen verstoßen mit schöner Regelmäßigkeit gegen das Gesetz von Annäherung und Vermeidung, wenn sie versuchen, andere zu beeinflussen. Quelle: „Die Meinung der anderen“ von Tali Sharot

Von Hans Klumbies

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