Güte und Gutmütigkeit sind die größten Tugenden

Unter Güte versteht Francis Bacon diejenige Eigenschaft, die das Wohl der Menschheit erstrebt und die von den Griechen „Philanthropia“ genannt wird. Der Begriff der Menschlichkeit ist seiner Meinung nach ein wenig schwach, um die Bedeutung im rechten Maße zu erfassen. Güte ist für Francis Bacon eine Charaktereigenschaft und Gutmütigkeit eine Neigung. Der englische Philosoph und Staatsmann fügt hinzu: „Dies ist unter allen Geistestugenden die Größte, denn sie frommt (entspricht) dem Charakter einer Gottheit, und ohne sie ist der Mensch ein hektisches, bösartiges, elendes Wesen und kaum besser als ein Wurm.“ Die Güte entspricht laut Francis Bacon der theologischen Tugend der Mildtätigkeit und kennt kein Übermaß, sondern höchstens den Irrtum.

Außergewöhnliche Wohltaten werden nur Auserwählten zuteil

Francis Bacon vertritt die These, dass die Neigung zur Güte tief in die Natur des Menschen eingeprägt ist, sodass sie sich, wenn sie sich nicht auf Menschen erstrecken kann, auf andere Lebewesen richtet. Es hat nie ein Gesetz, eine Sekte oder eine Lehrmeinung gegeben, welche die Güte so hoch achtet wie die christliche Religion. Francis Bacon rät aber, um Skandale und Gefahren zu vermeiden, sich immer wieder einmal der Irrtümer einer so ausgezeichneten Charaktereigenschaft zu vergegenwärtigen.

Francis Bacon schreibt: „Bemühe dich um das Wohl der anderen, aber mache dich nicht zum Sklaven ihrer Launen und Meinungen, denn das wäre nur Gefälligkeit und Weichheit, die einen ehrlichen Geist in Fesseln zu legen vermögen.“ Er führt dazu Gottes Beispiel an, der die Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Aber Gott lässt nicht Reichtum, Ehren oder Tugenden über alle Menschen gleichermaßen herabkommen, denn gewöhnliche Wohltaten werden allen zuteil, außergewöhnliche Wohltaten aber nur Auserwählten.

Einige Arten und Anzeichen der Güte

Die Güte, geboren aus der Vernunft, ist gemäß Francis Bacon nicht jedem gegeben; manchmal hat der Mensch oder auch die Natur, nur eine Neigung dazu, so wie es auf der anderen Seite eine angeborene Bösartigkeit gibt. Francis Bacon erklärt: „Manche Menschen haben es nicht in ihrer Natur, den anderen Gutes zu wirken. Die leichtere Form der Bösartigkeit zeigt sich in Verdrießlichkeit, Sturheit, Widerspruchsinn, einem schwierigen Wesen oder ähnlichem, die schwerere aber zeigt sich in Neid und reiner Unheilstiftung.“

Für Francis Bacon gibt es viele Arten und Anzeichen der Güte. Wenn sich ein Mensch zum Beispiel liebenswürdig und höflich gegenüber Fremden zeigt, beweist er dadurch, dass er ein Weltbürger ist. Er ergänzt: „Wenn er Mitleid mit den Gebrechen der anderen empfindet, beweist dies, dass sein Herz wie ein edler Baum ist, der sich selbst verwundet, damit er Balsam spenden kann. Wenn er schnell vergibt und Beleidigungen nachsieht, zeigt er damit, dass sein Geist über alle Beeinträchtigungen erhaben ist und keine Verwundungen zu befürchten hat.“  

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.