Facebook und andere soziale Netzwerke erhalten Freundschaften

Noch vor rund einem Jahrzehnt gaben in der Wissenschaft warnende Stimmen den Ton an, die ganz im Sinne des Harvard-Politologen Robert Putnam vermuteten, neue Medien und Technologien würden zur Vereinzelung und nachlassendem Engagement für gesellschaftliche Belange führen. Der britische Philosoph Roger Scruton glaubte damals, dass sich etwas im Menschen verändere, wenn er Beziehungen nur noch über den Bildschirm aufrecht erhalte. Er schrieb im Magazin „The New Atlantik“: „Wenn man Freunde wie ein YouTube-Video anklickt, erfasst man all die feinen verbalen und körperlichen Signale eines Menschen nicht mehr. Das Gesicht des anderen ist ein Spiegel, in dem man sich selber sieht.“ Roger Scruton ging von der Annahme aus, dass in sozialen Netzwerken virtuelle Freunde die realen Freunde einfach ersetzen würden. Das ist aber laut heutigem Stand der Wissenschaft so nicht der Fall.

Online-Freundschaften fördern Offline-Freundschaften

Der Sozialpsychologe Jaap Denissen von der Berliner Humboldt Universität erklärt: „Online-Freundschaften vertiefen und erhalten in aller Regel Offline-Freundschaften. All diese Kulturkritiker machen mich nur noch müde.“ Laut verschiedener Studien hat der durchschnittliche Facebook-User etwa 120 Bildschirm-Bekannte, von denen nur vier bis sechs wirklich gute Freunde sind. Die Zahlen aus der Freundschaftsforschung aus der analogen Welt weisen ähnliche Größen auf.

Im Internet treten Menschen am häufigsten mit jenen Freunden in Kontakt, mit denen sich auch offline am besten befreundet sind. Einer Studie zufolge gehen selbst beim Handy 80 Prozent der Anrufe an gerade einmal vier Nummern. Heute ist klar: Facebook und verschiedene andere soziale Netzwerke helfen den Menschen dabei, alte Schuldfreunde wiederzufinden, den Kontakt zu Freunden aufrechtzuerhalten, die in anderen Städten oder im Ausland leben, manchmal dienen sie sogar dazu, neue Freundschaften aufzubauen.

Das Internet macht die Menschen nicht tendenziell einsamer

Die Bildungsökonomen Stefan Bauerschuster, Oliver Falck und Ludger Wößmann haben anhand den Daten von mehr als 18.000 Studienteilnehmern herausgefunden, dass ein schneller Internetanschluss dazu führt, dass Menschen sich nach eigenen Angaben häufiger ehrenamtlich in Verbänden, Vereinen, oder Sozialdiensten engagieren. Zudem betätigen sie sich öfter in Parteien, Bürgerinitiativen oder der Kommunalpolitik. Ludger Wößmann ergänzt: „Auch haben sie mehr enge Freunde und besuchen häufiger Theater, Oper, Ausstellungen, Konzerte, Kino, Disco, Restaurants, Bars oder Sportveranstaltungen.“

Die Wissenschaft hat inzwischen auch ältere Studien widerlegt, die zum Ergebnis kamen, dass das Internet alle User tendenziell einsamer machen würde. Für die Medienpsychologin Sabine Trepte von der Hamburg Media School und der Universität Hamburg waren das Selektionseffekte. Sie erläutert: „Die ohnehin Einsamen nutzen das Internet damals wie heute als Rückzugsraum. Man hat früher nicht bedacht, das Einsame mehr Zeit im Internet verbringen.“ In Wirklichkeit gibt es ihrer Meinung nach den sogenannten „The-rich-gets-richer“-Effekt: Wer im realen Leben schon viele Freunde hat, bekommt über soziale Netzwerke noch mehr Freunde dazu.

Von Hans Klumbies

 

 

 

 

 

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