Kollektive Emotionen bestimmten die Sozialgeschichte der Menschheit

Der evolutionäre Vorteil, der mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe einhergeht, ist offensichtlich. Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, verleiht dem Einzelnen viel mehr Sicherheit bei Bedrohungen durch Feinde und anderen Gefahren und verbessert den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. Eyal Winter ergänzt: „Der Mechanismus, der Gruppenzusammenhalt erzeugt und aufrechterhält, ist im Grunde ein emotionaler Mechanismus, der kollektive Gefühle entstehen lässt.“ Wissenschaftliche, technologische und künstlerische Entwicklungen gehen in erster Linie auf kognitive und emotionale Fähigkeiten eines Einzelnen zurück. Die Sozialgeschichte der Menschheit wurde aber hauptsächlich durch kollektive Emotionen bestimmt. Kriege und Staatsverträge sowie Revolutionen und politische oder wirtschaftliche Umwälzungen werden größtenteils durch solche Emotionen angetrieben. Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Kollektive Emotionen erzeugen eine innere Verpflichtung

Anders als individuelle Emotionen setzen kollektive Emotionen mehrere Einzelne in die Lage, ihre mentalen Zustände aufeinander abzustimmen. Eyal Winter erklärt: „Das äußert sich beispielsweise in dem Wunsch, rivalisierende Gruppen aus dem Feld zu schlagen.“ Und es liefert eine Erklärung, warum selbst in Fällen, in denen die Gewinnprämie für jeden Einzelnen gering ist und zu spärlich erscheinen mag, um eine Kooperation zu rechtfertigen, die korrelierten Bewusstseinszustände zu einem intensiven Miteinander anregen können.

Einzelne können durch kollektive Emotionen ihre materiellen Verhältnisse verbessern und insofern vielleicht auch ihre Überlebenschancen erhöhen. Für den Einzelnen bedeutet dies zweifellos einen evolutionären Vorteil. Kollektive Emotionen beeinflussen beispielsweise die Art und Weise, wie sich Gangmitglieder untereinander und auch gegenüber ihren Rivalen verhalten. Sie erzeugen eine innere Verpflichtung, für die Gruppe zu kämpfen und deren Rivalen zu bedrohen. Eine Gruppe, die diese kollektiven Emotionen unter ihren Mitgliedern zu entfachen vermag, gewinnt einen Vorteil gegenüber anderen.

Kollektive Emotionen sind bisweilen stärker als individuelle Gefühle

Die menschliche Fähigkeit, Emotionen zu koordinieren und in eine wirkungsvolle Kraft zu verwandeln, hat offenbar weit zurückreichende evolutionäre Wurzeln. Eyal Winter erläutert: „Wer keinem Kollektiv angehörte, weil er ausgestoßen wurde oder sich selbst absonderte, hatte deutlich geringere Überlebenschancen verglichen mit jenen, die auf die Gruppe eingeschworen waren.“ Kollektive Emotionen sind indes nicht allein beim Menschen zu beobachten; sie treten auch bei vielen Säugetieren und Vögeln auf.

Eyal Winter weist darauf hin, dass kollektive Emotionen bisweilen stärker sein können als individuelle Gefühle. Ein Grund dafür besteht darin, dass sich diese beiden Arten von Emotionen in vielen sozialen Situationen in einem Feedbackmechanismus wechselseitig verstärken. Damit kollektive Emotionen entstehen, muss häufig eine gegnerische Gruppe den Part eines Rivalen spielen oder eine Gefahrenquelle darstellen. Zur Bildung und Bewahrung eines kollektiven „Wir“ ist ein kollektives „die anderen“ erforderlich. Je größer der Unterschied zwischen der eigenen Gruppe und den anderen ist, desto stärker identifiziert man sich mit dem eigenen Kollektiv. Quelle: „Kluge Gefühle“ von Eyal Winter

Von Hans Klumbies

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