Eyal Winter stellt das Gefangenendilemma vor

Das sogenannte „Gefangenendilemma“ ist das vielleicht meiststrapazierte Paradox in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Eyal Winter betrachtet kurz die Elemente des Gefangenendilemmas: „Zwei des Bankraubs Verdächtigte werden verhaftet. Der Polizei fehlt es jedoch an ausreichenden Beweisen. Ohne Geständnis von mindestens einem der Tatverdächtigen muss die Polizei beide zwangsläufig freilassen.“ Beide Gefangenen sind in separaten Zellen eingesperrt. Dabei bietet man jedem folgenden Deal an: Wenn einer von beiden gesteht, während der andere schweigt, wird der Geständige freigelassen. Der Nichtgeständige wird verurteilt und muss eine fünfjährige Haftstrafe verbüßen. Wenn beide gestehen, werden beide verurteilt, allerdings nur zu vier Jahren Gefängnis. Die Verdächtigen wissen auch, dass die Polizei sie nicht des Bankraubs überführen kann, wenn beide schweigen, sondern sie nur wegen Raserei bei der Verfolgung belangen kann, wofür sie einen Monat absitzen müssten. Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Das Gefangenendilemma ist ein zentrales Konzept der Spieltheorie

Jeder der beiden Gefangenen muss entscheiden, wie er auf dieses Angebot reagiert – allerdings ohne jede Gelegenheit, sich mit dem anderen abzusprechen. Wer sich in die Lage eines der Gefangenen versetzt, wird rasch erkennen, dass es immer dem eigenen Interesse dient zu gestehen, egal was man von seinem Komplizen erwartet. Gesteht der andere ebenfalls, verkürzt sich die Haftstrafe um ein Jahr. Schweigt der andere, ist man aufgrund seines Geständnisses sofort ein freier Mann. Das Ergebnis ist jedoch paradox. Die beiden Gefangenen folgern, dass sie aufgrund rationaler und eigennütziger Überlegungen, die Tat gestehen sollten.

Würden sie jedoch beide schweigen, stünden sie viel besser da, denn dann müssten sie nur eine einmonatige Haft verbüßen. Das Gefangenendilemma ist laut Eyal Winter keine nutzlose intellektuelle Spielerei, sondern ein zentrales Konzept der Spieltheorie. In der Spieltheorie geht es im Wesentlichen darum, interaktive Entscheidungen zu analysieren. Ein „Spiel“ ist in der Fachsprache jede Situation, in der die Handlungen einer Person die Lage einer anderen Person beeinflussen. Ökonomischer Wettbewerb, gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Nationen und selbst der wechselseitige Austausch innerhalb von Familien können allesamt mit Hilfe der Spieltheorie modellhaft dargestellt werden.

Schnelle Reaktionen sind manchmal besser als bedächtiges Abwägen

Emotionen sind im Grunde ein Signalisierungsmechanismus, der es Menschen ermöglicht, Handlungsweisen aufeinander abzustimmen und in einem breiten Spektrum von „Spielen“, an denen sie im Alltag teilnehmen, ein Gleichgewicht herzustellen. Emotionen helfen auch, neue Gleichgewichte zu schaffen, die in einer Welt reinen Denkens und vernünftigen Argumentierens nicht bestehen könnten. In vielen Fällen optimieren Gefühle eine soziale Situation durch diese Mechanismen.

Spontaneität sowie automatisches und schnelles Reagieren gehören zu den wichtigsten Merkmalen emotionaler Rückmeldungen. In vielen Fällen ist schnelles Reagieren sogar einer der Vorteile, den emotionales Verhalten gegenüber bedächtigem Abwägen birgt. Schnelligkeit und Unwillkürlichkeit von Reaktionen sind im sozialen Umfeld äußerst wichtig. Emotionales Verhalten kann sogar zu Kooperationen führen, wenn dies mit rationalem Verhalten nicht mehr gelingt. Quelle: „Kluge Gefühle“ von Eyal Winter

Quelle: „Kluge Gefühle“ von Eyal Winter

Von Hans Klumbies


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