Erik Erikson wird durch Psychobiographien berühmt

Der Kinderpsychologe Erik Erikson befasste sich vor allem mit der Formung der Identität bei Jugendlichen und erfand auch den Begriff Identitätskrise. Außerdem stellte er fest, dass die Frage „Wer bin ich?“ in einem durchschnittlichen Menschenleben mehrmals auftaucht. Schon Sigmund Freud postulierte fünf Stufen der psychologischen Entwicklung vom Kleinkind bis zum Teenager. Erik Erikson ging darüber hinaus und unterteilte den gesamten Lebenszyklus eines Menschen in acht psychosoziale Stufen von der Geburt bis ins hohe Alter. Immer wenn eine Phase endet, erleidet der Mensch eine Krise, da seine Identität ins Wanken gerät. Das Individuum kann in einer solchen Phase zwischen Stagnation und Wachstum wählen.

Erik Erikson analysiert das Leben von Martin Luther und Mahatma Ghandi

Berühmt wurde Erik Erikson mit seinen Psychobiographien wie über Mahatma Gandhi und Martin Luther, indem er die psychologische Analyse auf das Leben berühmter Personen anwandte. Bei Luther sah eine beispielhafte Identitätskrise gegeben, die er in dem Werk „Der junge Mann Luther. Eine psychoanalytische und historische Studie“ beschrieb. Rebellion findet gewöhnlich in jüngeren Jahren statt. Bei Martin Luther war dies nicht der Fall, denn er war schon 34 Jahre alt, als er gegen die Kirche rebellierte.

Erik Erikson erklärt die Rebellion damit, dass junge Menschen zuerst intensiv an etwas glauben müssen, bevor sie sich dagegen auflehnen. Der Mut sich gegen die mächtige katholische Kirche zu stellen liegt nach Erik Erikson in dem anfänglichen Ungehorsam Martin Luthers gegenüber seinem Vater begründet. Er schlug damit eine Bahn des generellen Ungehorsams ein. Erik Erikson war der Meinung, dass Martin Luther die Welt durch seine theologische Position veränderte, zu der er in erster Linie durch den Kampf gegen seine eigenen Dämonen und durch seine Identitätskrise gelangte.

Erik Eriksen: “Die Gesellschaft muss jugendliche Identitätskrisen aushalten”

Erikson vergleicht schwere Krisen in der Identität mit einer zweiten Geburt, eine Auffassung, die schon vorher William James entwickelt hatte. Zweimal-Geborene sind gequälte Seelen die Heilung und eine neue Richtung in ihrem Leben suchen. Wenn sie sich erfolgreich verändern, haben sie die Kraft, die ganze Welt aus den Angeln zu heben. Als Martin Luther herausgefunden hatte, wer er war, konnte ihn nicht einmal der Papst bremsen.

Erik Erikson war der Ansicht, dass es für eine Gesellschaft von großer Bedeutung ist, jugendliche Identitätskrisen auszuhalten. Jugendliche müssen sich selbst finden können, bevor sie endgültig in die Erwachsenenwelt eintreten. Der Psychologe fand heraus, dass die wahre Krise im Leben eines Menschen oft kurz vor dem 30 Lebensjahr auftritt. Er erkennt seinen Lebensweg als Irrweg, den er nur unter Aufbringung aller psychischen Kräfte wieder verlassen kann.

Kurzbiographie: Erik Erikson

Erik Erikson wurde 1902 in Frankfurt am Main geboren. Nach der Schulzeit schrieb er sich an der Kunsthochschule ein. Später unterrichtete er einige Zeit Kunst in Wien. 1927 begann er Studium der Psychoanalyse in Wien, arbeitete dort unter Anna Freud und spezialisierte sich auf Kinderpsychologie. 1933 zog er in die USA um, unterrichtete dort drei Jahre an der Harvard Medical School und wurde anschließend in Boston der erste Kinderanalytiker.

Später lehrte er unter anderen an der Yale University und dem Center for Advanced Study in the Bahavioral Sciences in Palo Alto, Kalifornien. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen: „Kindheit und Gesellschaft“ (1950), „Jugend und Krise“ (1968), „Gandhis Wahrheit“ (1970) sowie „Der vollständige Lebenszyklus” von 1985. Erik Erikson starb 1994.

Von Hans Klumbies

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