Erich Fromms Gedanken über die Liebe und die Ehe

Erich Fromm schreibt, dass kein Mensch die Liebe besitzen kann, da sie kein Ding ist. Liebe ist eine Abstraktion, vielleicht eine Göttin oder ein fremdes Wesen. In Wirklichkeit gibt es nur den Akt des Liebens als ein produktives Tätigsein. Dies beinhaltet, für jemanden zu sorgen, ihn zu kennen, auf ihn einzugehen, ihn zu bestätigen und sich an ihm zu erfreuen. Wer liebt, erweckt einen anderen Menschen zum Leben und steigert seine Lebendigkeit. Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, suchen sie sich gegenseitig zu gewinnen. Sie sind lebendig, attraktiv, interessant und laut Erich Fromm sogar schön, da sich Lebendigkeit immer als Schönheit in einem Gesicht offenbart. Noch hat keiner den anderen sicher, wodurch jeder seine Energie darauf verwendet, dem anderen zu geben und ihn zu stimulieren.

Liebende verwandeln sich in der Ehe zu Langeweilern

Mit der Eheschließung ändert sich häufig die Situation grundlegend. Der Vertrag der Ehe gibt den Partnern das exklusive Besitzrecht auf den Körper, die Gefühle und die Zuwendungen des anderen. Niemand muss mehr gewonnen werden – die Liebe hat sich in einen Besitz verwandelt. Erich Fromm behauptet, dass sich die Liebenden in der Ehe zu Langeweilern entwickeln und ihre Schönheit verlieren.

Die Ehepartner suchen nun die Ursache der negativen Veränderungen beim anderen und fühlen sich hintergangen. Die meisten Menschen verstehen nicht, dass sie nicht mehr die gleichen sind, die sie waren, als sie sich ineinander verliebten. Der Irrtum, man könne Liebe haben, verleitete sie dazu, aufzuhören zu lieben. Sie richten sich dann auf dieser Ebene ein und statt einander zu lieben, besitzen sie nun gemeinsam, was sie haben: Geld, ein Heim und Kinder.

Aus Liebe wird Freundschaft und eine Eigentümergemeinschaft

Die mit Liebe beginnende Ehe verwandelt sich so in einigen Fällen in eine Freundschaft und Eigentümergemeinschaft. In der Familie vereinen sich laut Erich Fromm jetzt zwei Egoismen. In anderen Fällen sehnen sich die Ehepartner nach der Wiedergeburt ihrer früheren Liebesgefühle zueinander. Es gibt auch nicht wenige Verheiratete, die sich der Illusion hingeben, dass ein neuer Partner ihre Sehnsucht erfüllen werde. Für sie ist die Liebe ein Idol, eine Göttin, der sie sich unterwerfen wollen, nicht der Ausdruck ihres Seins.

Für Erich Fromm sind solche Ehen zum Scheitern verurteilt, da die Liebe für ihn ein Kind der Freiheit ist. Die Anbeter der Göttin Liebe versinken eine totale Passivität, die sie langweilig werden lässt. Dadurch verlieren sie selbst das noch, was von ihrer früheren Anziehungskraft in der Ehe übrig geblieben ist. Diese Feststellungen von Erich Fromm schließen allerdings nicht aus, dass auch die Ehe der beste Weg für zwei Menschen sein kann, die einander wirklich lieben.

Kurzbiographie: Erich Fromm

Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Vor seinem Jurastudium an der Frankfurter Universität beschäftigte er sich stark mit dem Talmud. Da er sich mit dem Studium der Rechte nicht sehr anfreunden konnte, ging er nach Heidelberg um Soziologie zu studieren. 1922 promovierte er mit einer Dissertation über „Das jüdische Gesetz“. 1926 heiratet der die Psychiaterin Frieda Reichmann und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung. 1929 wurde Erich Fromm zum Mitbegründer des süddeutschen Instituts für Psychoanalyse in Frankfurt.

1933 hielt Erich Fromm Gastvorlesungen an der Universität von Chicago und ließ sich ein Jahr später in New York nieder. 1941 erschien sein Buch „Die Furch vor der Freiheit“, durch das er berühmt wurde. 1947 publizierte er sein bedeutendes Werk „Psychoanalyse und Ethik“. 1951 wurde Erich Fromm Professor für Psychoanalyse an der Autonomen Universität von Mexiko. 1955 erschien sein drittes Hauptwerk „Der moderne Mensch und seine Zukunft“. Seinen größten publizistischen Erfolg erzielt Fromm allerdings mit seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956). Sehr bekannt geworden ist auch sein Spätwerk „Haben oder sein“ von 1976. Erich Fromm der seit 1974 in Locarno, in der Schweiz, lebte, starb am 18. März. 1980.

Von Hans Klumbies

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Für Erich Fromm ist die Liebe eine Abstraktion, vielleicht eine Göttin oder ein fremdes Wesen. In Wirklichkeit gibt es für ihn nur den Akt des Liebens als ein produktives Tätigsein. Dies beinhaltet, für jemanden zu sorgen, ihn zu kennen, auf ihn einzugehen, ihn zu bestätigen und sich an ihm zu erfreuen. Wer liebt, erweckt einen anderen Menschen zum Leben und steigert seine Lebendigkeit.