Den Menschen ist das Erlebnis der Humanität verloren gegangen

Die ganze Vorstellung der Humanität und des Humanismus gründet in der Idee der menschlichen Natur, die allen Menschen gemeinsam ist. Das war laut Erich Fromm die Prämisse des buddhistischen wie des jüdisch-christlichen Denkens. Der Buddhismus entwickelte ein Bild vom Menschen in existentialistischen und anthropologischen Begriffen und nahm an, dass die gleichen psychischen Gesetze für alle Menschen gelten. Denn die conditio humano ist für alle die gleiche, da alle Menschen in der Illusion der Getrenntheit und Unzerstörbarkeit des eigenen Ichs leben. Jedes Individuum sucht eine Antwort auf das Problem seiner Existenz zu finden, indem es versucht, sich gierig an allen Dingen, einschließlich des Ichs, festzuklammern. Alle Menschen leiden und können nur vom Leiden erlöst werden, wenn sie die Illusion ihres Abgetrenntseins und ihre Gier überwinden.

Der Vater der modernen dynamischen Psychologie ist Spinoza

Die jüdisch-christliche Tradition, die auf einen obersten Schöpfer und Herrscher, auf Gott hin konzipiert ist, definiert den Menschen auf andere Weise. Erich Fromm schreibt: „Ein einzelner Mann und eine einzelne Frau sind die Vorfahren der gesamten menschlichen Rasse, und diese Vorfahren sowie alle künftigen Generationen sind nach dem Bilde Gottes geschaffen.“ Sie haben alle die gleichen Wesenszüge gemeinsam, die sie zum Menschen formen, die sie befähigen, einander zu kennen und zu lieben.

Erich Fromm weist auf Baruch de Spinoza hin, den Vater der modernen dynamischen Psychologie, der ein Modell der menschlichen Natur postulierte, das feststellbar und definierbar ist und aus dem sich die Gesetze des menschlichen Verhaltens und der menschlichen Reaktionen ergeben. Baruch de Spinoza konnte jetzt den Menschen schlechthin, und nicht nur den Menschen dieser oder jener Kultur, genau wie jedes andere Wesen in der Natur verstehen, weil der Mensch sich immer gleich ist und die gleichen Gesetze für alle zu allen Zeiten gelten.

Die Aufgabe des Lebens besteht auf der Entwicklung der Ganzheit

Die Philosophen des 18. und des 19. Jahrhunderts, vor allem Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder, glaubten, dass die dem Menschen innewohnende Humanität ihn zu immer höheren Entwicklungsstufen führen würde. Sie vertraten die Auffassung, jeder Einzelne trage nicht nur seine eigene Individualität, sondern gleichzeitig die ganze Menschheit mit all ihren Möglichkeiten in sich. Darum bestand für sie die Aufgabe des Lebens in der Entwicklung der Ganzheit auf dem Weg über die Individualität.

Heute hat laut Erich Fromm die Idee einer menschlichen Natur oder eines Wesens des Menschen an Ansehen verloren, teils, weil die Menschen skeptischer geworden sind gegenüber metaphysischen und abstrakten Begriffen wie „das Wesen des Menschen“. Teils aber auch, weil ihnen das Erlebnis der Humanität verloren gegangen ist, das den buddhistischen und den jüdisch-christlichen Vorstellungen wie auch den Ideen Baruch de Spinozas und der Aufklärung zugrunde lag.

Kurzbiographie: Erich Fromm

Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Vor seinem Jurastudium an der Frankfurter Universität beschäftigte er sich stark mit dem Talmud. Da er sich mit dem Studium der Rechte nicht sehr anfreunden konnte, ging er nach Heidelberg um Soziologie zu studieren. 1922 promovierte er mit einer Dissertation über „Das jüdische Gesetz“. 1926 heiratet er die Psychiaterin Frieda Reichmann und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung. 1929 wurde Erich Fromm zum Mitbegründer des Süddeutschen Instituts für Psychoanalyse in Frankfurt.

Im Jahr 1933 hielt Erich Fromm Gastvorlesungen an der Universität von Chicago und ließ sich ein Jahr später in New York nieder. 1941 erschien sein Buch „Die Furcht vor der Freiheit“, durch das er berühmt wurde. 1947 publizierte er sein bedeutendes Werk „Psychoanalyse und Ethik“. 1951 wurde Erich Fromm Professor für Psychoanalyse an der Autonomen Universität von Mexiko.

1955 erschien sein drittes Hauptwerk „Der moderne Mensch und seine Zukunft“. Seinen größten publizistischen Erfolg erzielt Fromm allerdings mit seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956). Sehr bekannt geworden ist auch sein Spätwerk „Haben oder sein“ von 1976. Erich Fromm der seit 1974 in Locarno, in der Schweiz, lebte, starb am 18. März 1980.

Von Hans Klumbies

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