Die Moderne erinnert an einen Marsch in die Knechtschaft

In seinem neuen Buch „Traurige Moderne“ erkennt Emmanuel Todd in den Familienstrukturen den unbewussten Motor der Geschichte. Von dieser Beurteilung aus erzählt er die Geschichte der Menschheit neu: Vom frühen Homo sapiens, der in Kleinfamilien lebte, über die großen Kulturen des Altertums mit ihren immer komplexeren Großfamilien bis zur Rückkehr des Homo americanus zur Kernfamilie der Steinzeit. Emmanuel Todd zeigt, wie sich seit der Steinzeit unterschiedliche Familiensysteme verbreitet haben, die bis heute die Mentalitäten der Menschen zutiefst prägen. Er beschreibt die Dynamik der amerikanischen Gesellschaft mit ihren primitiven Kleinfamilien und die Unbeweglichkeit von Kulturen mit hochkomplexen patriarchalischen Großfamilien, und er erklärt den europäischen Konflikt zwischen einer deutschen Stammfamiliengesellschaft und Gebieten mit egalitären Familienstrukturen. Emmanuel Todd ist einer der prominentesten Soziologen Frankreichs.

Für Emmanuel Todd ist die europäische Einigung ein Misserfolg

Werden diese tief verankerten Unterschiede bei der Lösung der gegenwärtigen Krisen nicht berücksichtigt, gerät die Demokratie unter die Räder. Emmanuel Todd schreibt: „Unsere Moderne erinnert an einen Marsch in die Knechtschaft.“ Das Buch beginnt zwar mit dem Auszug des Homo sapiens aus Afrika und untersucht das Aufkommen unterschiedlicher Familientypen seit dem Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr., doch im Vordergrund steht das Verständnis der Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf dem Nationalsozialismus als auf dem weniger dramatischen Misserfolg der europäischen Einigung, seitdem Deutschland in diesem Prozess die führende Rolle übernommen hat.

Für die kafkaeske Verwandlung der Europäischen Union ist Deutschland bei Weitem nicht allein verantwortlich, doch die ihm eigene Dynamik ist dafür ein gewichtiger Faktor, weil sich Deutschland an universalistischen Wertvorstellungen orientiert, die es gleichzeitig leugnet und die daher gewissenlos und ungehemmt ihre Wirkung entfalten. Die hier von Emmanuel Todd vorgelegte Menschheitsgeschichte legt den Akzent zwar auf die Dynamik der angloamerikanischen Welt seit dem 17. Jahrhundert, ähnelt dabei aber historischen Modellen, wie sie in Deutschland vor dem „Dritten Reich“ dominierten.

Die Eliten in Deutschland haben kein Geschichtsbewusstsein

Ein Familientyp kann zu verschiedenen Nationen gehören. Daher nähern sich manchmal überraschend Länder an und es werden Mauern beseitigt, die sonst die Weltgeschichte zu bestimmen scheinen. Die Stammfamilie ist dafür ein wichtiges Beispiel, denn gerade dieser Familientyp führt in den Regionen, wo sie verbreitet war und ist, zu einer Selbstwahrnehmung der ansässigen Bevölkerung als verschieden von anderen und einzigartig. Die Stammfamilie verkörpert in Japan, in Katalonien und im Baskenland ebenso wie in Deutschland und der alemannischen Schweiz eine autoritäre und inegalitäre soziale Ordnung mit einer starken Integration der Individuen.

Eine der Besonderheiten der politischen und ökonomischen Konzepte in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Beharren auf Normen: Unveränderliche gesetzliche, haushaltspolitische und monetäre Regeln müssen den Rahmen für das Handeln der Menschen bilden, ohne dass man übrigens nicht so recht weiß, ob diese Normen über dem Menschen stehen oder im Inneren der Individuen verankert sein sollen. Die Deutschen sind zwar besonnen, doch bei ihren Eliten schwelt eine Krise, denn diese werden künftig weltweit ungebunden sein, haben aber kein Geschichtsbewusstsein.

Traurige Moderne
Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus
Emmanuel Todd
Verlag: C. H. Beck
Gebundene Ausgabe: 550 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-406-72475-6, 29,95 Euro

Von Hans Klumbies

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