Das metaphysische Begehren strebt nach dem absolut Anderen

„Das wahre Leben ist abwesend.“ Aber die Menschen sind auf der Welt. In diesem Alibi erhebt und hält sich die Metaphysik. Emmanuel Levinas erklärt: „Sie ist dem „Woanders“ zugewandt, dem „Anders“ und dem „Anderen“.“ In ihrer allgemeinen Form, die sie in der Geschichte des Denkens angenommen hat, erscheint die Metaphysik in der Tat als eine Bewegung, die ausgeht von einem „Zuhause“, das der Mensch bewohnt, von einer ihm vertrauten Welt – mögen auch an ihren Randzonen noch unbekannte Gebiete liegen oder verborgen sein –,und die hingeht zu einem fremden Außersich, zu einem „Da drüben“. Das Ziel dieser Bewegung – das Woanders und das Andere – heißt „anders“ in einem ausgezeichneten Sinne. Der französisch-jüdische Philosoph Emmanuel Levinas (1905 – 1995) lehrte Philosophie in Nanterre und an der Sorbonne in Paris.

Nichts Weltliches kann das metaphysische Begehren befriedigen

Keine Reise, keine Veränderung der Klimas oder der Umgebung vermöchten das dorthin strebende Begehren zu befriedigen. Emmanuel Levinas erläutert: „Das andere des metaphysischen Begehrens ist nicht „anders“ wie das Brot, das ich esse, das Land, das ich bewohne, die Landschaft, die ich betrachte; es ist nicht anders, wie ich mir selbst manchmal anders bin, das „ich“, dieses „Andere“.“ An diesen Dingen kann man sich „weiden“, an ihnen kann man sich in einem sehr hohen Maße sättigen, so als ob sie einem nur gefehlt hätten.

Gerade dadurch geht ihre „Andersheit“ in der eigenen Identität, der Identität des Denkenden oder Besitzenden, auf. Das metaphysische Begehren strebt nach „ganz Anderem“, nach dem „absolut Anderen“. Seinem einzigartigen Anspruch vermag die übliche Analyse des Begehrens nicht gerecht zu werden. Die gewöhnliche Deutung findet auf dem Grunde des Begehrens ein Bedürfnis; sie sieht das Begehren als Bedürfnis; sie sieht das Begehren als Kennzeichen eines bedürftigen oder unvollständigen Seienden oder als Merkmal eines Wesens, das von seiner ehemaligen Höhe herabgestürzt ist.

Ein Großteil des menschlichen Begehrens ist nicht rein

Emmanuel Levinas schreibt: „Für diese Deutung fällt das Begehren mit dem Bewusstsein des Verlorenen zusammen. Ihr gemäß ist es seinem Wesen nach Nostalgie, Heimweh. Aber ein solches Begehren hätte nicht einmal eine Ahnung dessen, was das wahrhaft Andere ist.“ Das metaphysische Begehren trachtet nicht nach Rückkehr; denn es ist Begehren eines Landes, in dem die Menschen nicht geboren sind; eines Landes, das aller Natur fremd ist, das nicht das eigene Vaterland war und in das man nie den Fuß setzen wird.

Das metaphysische Begehren gründet auf keiner vorgängigen Verwandtschaft. Es ist Begehren, das man nicht zu befriedigen vermöchte. Denn man spricht leichthin von befriedigten Begierden oder von sexuellen Wünschen oder auch von moralischen oder religiösen Bedürfnissen. So wird selbst die Liebe als die Befriedigung eines sublimen Hungers betrachtet. Diese Sprache ist möglich, weil ein Großteil des menschlichen Begehrens, ja auch die Liebe, nicht rein ist. Die Begierden, die man befriedigen kann, ähneln dem metaphysischen Begehren nicht nur in der Enttäuschung der Befriedigung oder der Erregung der Nicht-Erfüllung und des Verlangens, die das Eigene der Lust ausmacht. Quelle: „Totalität und Unendlichkeit“ von Emmanuel Levinas im Reclam Heft „Was ist Liebe?“

Von Hans Klumbies

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