Die deutschen Philosophie ist ein artifizielles Konstrukt

 Vittorio Hösle beschreibt in seinem Buch die Geschichte der deutschen Philosophie vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Ihr Sonderweg beginnt mit Meister Eckardt und Nicolaus Cusanus. Gottfried Wilhelm Leibniz und Immanuel Kant und die Fundierung der Geisteswissenschaften sind für Vittorio Hösle die Voraussetzung für die Synthese des Deutschen Idealismus. Arthur Schopenhauer, Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Friedrich Nietzsche lösen anschließend das Christentum und die bisher gültige Vernunftmetaphysik auf. Es folgen im frühen 20. Jahrhundert die Neubegründungen der Philosophie bei Gottlob Frege, bei den Neukantianern und in der Phänomenologie eines Edmund Husserl. Zur Philosophie des Nationalsozialismus zählt der Autor Martin Heidegger, Arnold Gehlen und Carl Schmitt. Georg Gadamer, Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas und Hans Jonas sind für Vittorio Hösle die großen Philosophen der Bundesrepublik. Vittorio Hösle ist Paul Kimball Professor of Arts and Letters an der University of Notre Dame in den USA.

Die deutsche Philosophie soll der Nation eine anspruchsvolle Identität verschaffen

Gleich im ersten Kapitel seines Buchs „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ geht Vittorio Hösle der Frage nach ob es überhaupt einen Sonderweg der deutschen Philosophie gibt und ob es je einen deutschen Geist gegeben hat. Obwohl die deutsche Philosophie auf der ganzen Welt nicht weniger berühmt ist als die deutsche Musik und Dichtung lassen sich seiner Meinung nach diese Fragen keineswegs einfach bejahen. Es drängt sich ihm eher der Verdacht auf, dass deutsche Philosophie ein artifizielles Konstrukt ist, das sich nichts anderem verdankt als dem Bedürfnis der deutschen Nation und des deutschen Nationalstaates, sich eine geistig anspruchsvolle Identität zu verschaffen.

Vittorio Hösle verfolgt in seinem Werk das Ziel, Eigentümlichkeiten hervorzuheben, die die deutsche Philosophie von denjenigen anderer europäischen Nationen unterscheidet. Bei allem Wandel werden dabei auch plausible Entwicklungslinien verdeutlicht. Das Buch wendet sich dabei primär nicht an ein fachphilosophisches, sondern an ein allgemeinbürgerliches Publikum. Außerdem will Vittorio Hösle seine Leser dazu ermutigen, sich selbst mit den Klassiker der deutschen Philosophie auseinanderzusetzen und deren Werke im Original zu studieren.

In der Zukunft wird es keine deutsche Philosophie mehr geben

Einem Philosophen wird dann ein hoher Rang zugeschrieben, wenn er erstmals bestimmte Wahrheiten erkannt hat. Doch für Vittorio Hösle ist dies nicht das einzige Kriterium: „Gleichzeitig ist aber die Philosophie ein so komplexes Unternehmen, Wahrheit in ihr etwas so Vielschichtiges, dass wir einen Philosophen auch dann als bedeutend anzuerkennen haben, wenn er einen Gedanken zu Ende gedacht hat, der sich zwar später als falsch herausgestellt hat, aber eben nur Dank seines Mutes, sich auf ihn einzulassen.“

Im letzten Kapitel erklärt Vittorio Hösle warum nicht damit zu rechnen ist, dass es auch in Zukunft eine deutsche Philosophie geben wird. Vor allem im Vergleich mit den USA, aber auch mit Ländern mit einer kleineren Bevölkerung als der deutschen zeigt sich deutlich, dass Deutschland inzwischen zu einer wissenschaftlichen Mittelmacht herabgesunken ist. Der Niedergang der deutschen Philosophie hat auch mit der weltgeschichtlichen Situation, dem Ende des deutschen Geistes und den Sonderproblemen der deutschen Universitäten zu tun.

Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie

Vittorio Hösle

Verlag: C. H. Beck

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten, Auflage: 2013

ISBN: 978-3-406-64864-9, 22,95 Euro

Von Hans Klumbies

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