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Die Voraussagen der sozioökonomischen Physik

Als sozioökonomische Physik bezeichnen Physiker den Versuch, Formeln für das Handeln von Gruppen zu finden. Sie glauben, in Gesellschaften Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, wie sie in der Atomphysik oder Thermodynamik gültig sind. Jürgen Mimkes, emeritierter Professor aus Paderborn, vertritt die sozioökonomische Physik als Fachverband in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Jürgen Mimkes erklärt: „In unseren Modellen sind Menschen nicht Teilchen, sondern Agenten. Diese haben wie Atome drei mögliche Eigenschaften: Sie ziehen sich an, stoßen sich ab oder sind sich egal.“ Die Wechselwirkungen sind damit ähnlich wie in der Atomphysik. Nach Jürgen Mimkes gibt es in der sozioökonomischen Physik wie in der Thermodynamik Variablen wie Temperatur und Druck. Und es gibt feste und flüssige Zustände, mit Phasenübergängen.

Das Ende von Diktaturen lässt sich vorhersagen

In Gesellschaften entspricht das laut Jürgen Mimkes dem Übergang vom starren Kollektiv eines hierarchischen Systems zur Demokratie. Er sagt: „Auch der Druck eines Regimes hat eine Entsprechung in der Physik.“ Der Druck kann einen Stoff in einem festen oder flüssigen Zustand halten, obwohl er längst in einen anderen hätte übergehen müssen. Wasser kann bei hohem Druck sogar bei fünf Grad plus noch gefroren bleiben. In Gesellschaften kann der Druck aus der Gesellschaft selbst, aus der Wirtschaft oder vom Militär kommen.

Jürgen Mimkes behauptet, dass man erkennen kann, wann sich Diktaturen auflösen, wie man messen kann, wann Wasser schmilzt. Seiner Meinung nach sind für die Vorhersage zwei wichtige Größen der Lebensstandard und die Geburtenrate. Er erklärt: „Der Lebensstandard, ausgedrückt als Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP), entspricht der Temperatur: Oberhalb eines Wertes verlassen die Teilchen ihren starren Zustand. Die Geburtenrate entspricht einer Art Bindungsenergie zwischen Menschen, wie in der Physik zwischen Atomen.“

In China ist bis 2015 ein demokratischer Wandel zu erwarten

Jürgen Mimkes stellt ein Phasenprogramm aus Bruttoinlandsprodukt und Fertilität vor, an dem man erkennen kann, das oberhalb der BIP-Spanne von 2.500 bis 4.000 Dollar pro Kopf und unterhalb einer Geburtenrate von drei Kindern pro Frau die Demokratisierung in einem Land einsetzt. Damit lassen sich seiner Meinung nach Aussagen über die Zukunft in Ägypten und Tunesien machen. Er sagt: „Ägypten ist exakt in einem Zustand, in dem es demokratisch werden kann. Wie in Tunesien liegt die Produktivität oberhalb von 2.500 Dollar, die Fertilität unter drei Kindern pro Frau.“

Die totalitären Systeme auf der arabischen Halbinsel erklärt Jürgen Mimkes durch den dort vorhandenen Reichtum an Erdöl. Er glaubt: „Öl scheint Demokratie zu verhindern. Die Menschen müssen nicht im klassischen Sinne wirtschaften, sie leben wie in einer althergebrachten Firmenhierarchie, der Chef ist oben, und alle anderen machen mit, wenn die Bezahlung stimmt.“ Das ist zwar wirtschaftlich gesehen wenig effektiv, aber im Überfluss haben die Menschen keinen Bedarf an Veränderung.

Jürgen Mimkes erkennt darin eine Art Trägheitseffekt, der einsetzt, wenn die Wirtschaft eines Landes zu mehr als 45 Prozent vom Erdöl abhängig ist. Er wagt auch eine Vorhersage für die Entwicklung anderer arabischer Staaten und erklärt: „In Libanon, Jordanien, Tunesien, Westjordanland, Syrien, Marokko und Ägypten sollten Demokratien möglich sein.“ In Algerien erwartet er allerdings eher Unruhen. In China ist seiner Meinung nach ein demokratischer Wandel bis 2015 zu erwarten.

Von Hans Klumbies

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