Die Theorie der Lebenswelt des Hans Blumenberg

Für Hans Blumenberg existiert die Lebenswelt nicht als reale oder Alltagswelt, sondern als ein Universum, wie es wäre, wenn es in einer Welt keine offenen Fragen, keine unerfüllten Wünsche und keine ungewissen Thesen gäbe. Hans Blumenberg beweist in seiner Theorie der Lebenswelt, dass die Wissenschaft nichts anderes ist, als der Versuch, mit den Folgen der Auflösung einer alltäglichen, selbstverständlichen Lebenswelt fertig zu werden. Der Philosoph Hans Blumenberg, der von 1920 bis 1996 lebte, war Professor für Philosophie an der Universität Münster.

„Philosophie ist ganz eigentlich Nicht-Leben“

Gleich zu Beginn seines Buches versucht Hans Blumenberg den unbestimmten Begriff „Leben“ genauer zu bestimmen. Unter anderem zitiert er Johann Wolfgang von Goethe, der über das Leben folgendes schreibt: „Ich hatte mir manches zu arbeiten vorgesetzt, daraus nichts geworden ist, und manches getan, woran ich nicht gedacht hatte; dass heißt also ganz im Leben leben.“

Die Lebenswelt beruht für Hans Blumenberg auf Uneinsichtigkeit. Sie ist nicht die Schöpfung eines Menschen, aber sie ist die Welt des Menschen. Auch der viel zitierte Satz Johann Gottlieb Fichtes: „Philosophie ist ganz eigentlich Nicht-Leben“, lässt sich auf die Lebenswelt anwenden: Sie ist sowohl die Welt, in der Philosophie noch nicht existieren kann, als auch eine utopische Welt im Geschichtsverlauf, in der die Philosophie von den Menschen nicht mehr gebraucht wird.

Hans Blumenberg behauptet, dass die Lebenswelt nicht aufgehoben werden kann, sondern sich selbst zerstört. Obwohl sie die Wirklichkeit ist, insofern diese gegen das ihr Unbekannte und in ihr Ungewisse als das Unwirkliche verteidigt werden kann, ist sie im Inneren, naturgemäß instabil. Diese Instabilität kann nicht aus der Lebenswelt und in ihr selbst begriffen werden, da jede verteidigungsfähige Wirklichkeit von einer anderen Wirklichkeit umgeben ist.

Der Mensch braucht eine Theorie der Lebenswelt

Die Lebenswelt muss nicht statisch sein, wenn ihre Wandlungen im Zeitmaß auf Generationen bezogen und nicht als Beweis für die Kontingenz einer determinierten Vorstellung von der Welt genommen werden können. Die Grenzen einer Lebenswelt sind die Grenzen eines Menschen, der sie lebt. Wenn man den Weltbegriff von Ludwig Wittgenstein auf die Lebenswelt übertragen würde, könnte man auch sagen: Der Sinn der Lebenswelt muss außerhalb ihrer selbst liegen. In der Lebenswelt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.

Der Erfolg des Ausdrucks „Lebenswelt“ im vergangenen Jahrhundert beruht laut Hans Blumenberg auf der einzigartigen Verbindung von Einfachheit und Totalität, von der Zusammenführung von zwei Elementen, die je für sich allein betrachtet, ihren Tiefsinn schon hinter sich haben. Die Menschen brauchen eine Theorie der Lebenswelt, weil sie nicht mehr in einer Lebenswelt leben, jedenfalls nicht genau wissen, in welchem Umfang sie nicht mehr in einer Lebenswelt leben. Hans Blumenberg hat die Theorie für sie geschrieben.


Theorie der Lebenswelt
Hans Blumenberg
Verlag: Suhrkamp
Gebundene Ausgabe: 253 Seiten, Auflage: 2010
ISBN: 978-3-518-58540-5, 29,80 Euro

Von Hans Klumbies


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