Erfolgreiche Dilettanten sind Meister der Blendung

Heute, da scheinbar jedermann zum Superstar aufsteigen kann, sieht es so aus, als wäre der Dilettant zum modernen Charakter par excellance geworden. Das ist eine der Thesen, die Thomas Rietzschel in seinem neune Buch „Die Stunde der Dilettanten“ vertritt. Thomas Rietzschel stellt fest: „Die Dilettanten sind die Heroen unserer Tage, die Helden einer leistungsmüden Gesellschaft. Als Beispiel nennt der Autor Karl-Theodor von Guttenberg, der vor allem vom Gefühl der eigenen Bedeutung durchdrungen schien. Deshalb konnte er die Bürger überzeugen wie andere Demagogen vor ihm. Keiner fragte mehr nach seiner eigentlichen, fachlichen und geistig-moralischen Qualifikation für politische Ämter. Thomas Rietzschel war Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und lebt heute als freier Autor in der Nähe von Frankfurt.

Viele Politiker haben sich in politische Gaukler verwandelt

Viele Bürger machen es den Dilettanten allerdings auch nicht besonders schwer, sich von ihnen verschaukeln zu lassen. Thomas Rietzschel erklärt: „Es ist unser eigener Dilettantismus, der es den professionellen Dilettanten leicht macht, uns mit der Vorspiegelung des Gewünschten abzuspeisen, ob sie uns nun in der Erwartung großer Börsengewinne wiegen oder in der Illusion bestärken, etwas von der Kunst zu verstehen.“ Sie vermitteln den Menschen das Gefühl, so viel zu verstehen, wie sie zu verstehen glauben.

Laut Thomas Rietzschel verstehen die Dilettanten von dem, was sie tun, meist nichts und in jedem Fall zu wenig. Da sie dies wissen, halten sie diese Schwäche gerne anderen Dilettanten vor. Erfolgreiche Dilettanten sind seiner Meinung nach Meister der Blendung. Vor allem Politiker besitzen diese Fähigkeit. Thomas Rietzschel schreibt: „Narzisstisch auf den eigenen Auftritt fixiert, haben sie den Boden fundierter Sachkenntnis unter den Füßen verloren, sind politische Gaukler geworden, denen das Volk beinahe alles zutraut, weil sie sich selbst alles zutrauen.“

Die politische Bildung in Deutschland befindet sich auf einem Tiefpunkt

In der Kunst, erfolgreich zu versagen, haben es die Dilettanten gemäß Thomas Rietzschel zu einer aberwitzigen Meisterschaft gebracht. Sie sind die Stars des Ausprobierens. Thomas Rietzschel erläutert: „Anders als die Experten, die ihre Konzepte aus dem vorhandenen Wissen heraus entwickeln, dieses mit neuen Ideen erweitern, vervollständigen und korrigieren, tun sie, was ihnen der Augenblick eingibt. Da aber der Augenblick nicht verweilen will, müssen sie heute über den Haufen werfen, was sie gestern noch für die beste aller möglichen Lösungen hielten.“

Wo es um die politische Bildung eines Volkes so schlecht bestellt ist wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern, dort fürchtet Thomas Rietzschel sich um die Zukunft der Demokratie. Der Autor klagt: „Wer die einfachsten Regeln der Demokratie nicht mehr kennt, wird zum leichten Opfer jeglicher Bauernfängerei. Dass damit potenziellen Diktatoren Tür und Tor geöffnet wird, dass die Demokratie, wenn sie der Bildung enträt, Gefahr läuft sich selbst zu zerstören, dass Demokratie und Bildung ursächlich zusammengehören, müssten die Politiker mit Schrecken erkennen, wenn sie noch über historisches Wissen und daraus abgeleitete Gesellschaftsperspektiven verfügen. Dafür spricht jedoch wenig, zu wenig.“

Die Stunde der Dilettanten
Wie wir uns verschaukeln lassen
Thomas Rietzschel
Verlag: Paul Zsolnay
Gebundene Ausgabe: 252 Seiten, Auflage: 2012
ISBN: 978-3-552-05554-4,  17,90 Euro
Von Hans Klumbies

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