Das Buch „Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault“ von Peter Sloterdijk ist nicht für Leser geeignet, die noch keine Grundkenntnisse in der Philosophie besitzen. Auch über die Gemütszustände und Charaktere der angesprochenen Philosophen gibt der Autor wenig Auskunft. Für die Kenner der Meisterdenker des Abendlandes ist das Buch allerdings eine vergnügliche Reise durch die Geschichte der Philosophie, die überraschende Zusammenhänge offenbart.
Die Freiheitsphilosophen Jean-Paul Sartre und Johann Gottlieb Fichte
Zu den 19 Philosophen, die Peter Sloterdijk, in seine philosophischen Temperamente aufgenommen hat, zählt auch Jean-Paul Sartre, den er zum letzten Heros einer Reihe gewaltiger europäischer Freiheitsphilosophen zählt. Für den Autor ist die Kette der Denker seit Johann Gottlieb Fichte, der durch seine Reden an die deutsche Nation Unsterblichkeit erlangte, niemals abgerissen. Für sie alle war die Freiheit im Wesen des Menschen fest verankert.
Ludwig Wittgenstein – ein Geschundener der Weltgeschichte
Über Ludwig Wittgenstein schreibt Peter Sloterdijk, dass wenn je eine Kritik einer gültigen Ethik geschrieben werden könnte, ein entscheidendes Kapitel diesem österreichischen Genius gewidmet sein müsste. Denn er gehörte laut Peter Sloterdijk zu den Geschundenen der Weltgeschichte, deren Geist über dem der Masse thront, aber der dennoch weiß, was Anstand unter der Last der Gedanken bedeutet. Der Autor rechnet zum Werk von Ludwig Wittgenstein auch noch dessen bewundernswerte Anstrengung hinzu, sich selbst und sein wundervolles Leben ausgehalten und nicht den Verstand verloren zu haben.
Bei Arthur Schopenhauter treten Energie und Triebe an die Stelle der Vernunft
Für Arthur Schopenhauer hat Peter Sloterdijk nur eineinhalb Seiten übrig, obwohl er ihn als ersten Denker ersten Ranges bezeichnet, der mit dem abendländischen Dogma der Vernunft gebrochen hat. Für Arthur Schopenhauer ist das Leben ein Dasein, in dem die Vernunft die Vorherrschaft abgetreten hat und an dessen Stelle die Energien und Triebe getreten sind. Peter Sloterdijk bezeichnet Arthur Schopenhauer deshalb auch als einen der Urväter der Psychoanalyse.
Peter Sloterdijk bezeichent Giordano Bruno als ersten Kunst-Philosophen
Giordano Bruno ragt für Peter Sloterdijk aus einer glanzvollen Ahnenreihe der Philosophen der Renaissance, wie ein unbeugsamer Monolith empor. Sein Werk illustriert die Geburt der Modernität aus dem Geist einer Philosophie der Anschauung. Laut Peter Sloterdijk hat sich Giordano Bruno wie kaum ein Denker vor ihm in die Kosmodynamik der Gedächtnisse versenkt. Der Autor bezeichnet Giordano Bruno als den ersten Kunst-Philosophen der Neuzeit, weil der den Kunstcharakter von Erinnerung und Gedächtnis in den Vordergrund seiner Überlegungen stellte.
Wer die „Philosophischen Temperamente“ von Peter Sloterdijk liest, wird erkennen, dass sich die Geschichte der europäischen Philosophie tatsächlich als eine Stafette auffassen lässt, in der ein bei Platon entzündetes geistiges Feuer von Generation zu Generation übermittelt und weiterentwickelt wurde. Peter Sloterdijk schreibt: „Die platonischen Meisterschriften haben wie eine Samenbank der Ideen gewirkt, aus der sich zahllose spätere Intelligenzen befruchten ließen, oft über große zeitliche und kulturelle Entfernungen hinweg.“ Das Motto des Buchs könnte lauten: wieder denken. Das setzt allerdings, neu zu lesen, voraus.
Philosophische Temperamente
Von Platon bis Foucault
Peter Sloterdijk
Verlag: Diederichs
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten, Auflage: 2009
ISBN: 978-3-424-35016-6, 14,95 Euro
Von Hans Klumbies
Kategorien: Buchrezensionen |
Tags: Arthur Schopenhauer, Energie, Erinnerung, Ethik, Freiheit, Freiheitsphilosoph, Gedächtnis, Geschichte der Philosophie, Giordano Bruno, Ideen, Jean-Paul Sartre, Johann Gottlieb Fichte, Kunst-Philosoph, Ludwig Wittgenstein, Modernität, Peter Sloterdijk, Philosophen der Renaissance, Philosophie, Philosophie der Anschauung, Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault, Platon, Psychoanalyse, Reden an die deutsche Nation, Triebe, Vernunft |
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