Die geheimnisvolle Welt der Märchen

Es gibt Märchen, die einfältig erscheinen, weil sie an die Moral appellieren, aber auch subversive, die von der Veränderbarkeit der Welt erzählen. Hier geschieht manchmal das Unglaubliche, dass die Schwachen die Starken besiegen. Immer wieder tauchen in den Märchen gewaltsame Akte der Befreiung auf. In drastischen Szenen schildert das Märchen Modelle einer essentiellen Erfahrung der Menschen – das Böse ist besiegbar, aber nicht im Guten, sondern mit Gewalt. Es gibt wesentliche Märchenelemente, die von den verschiedensten Erzählern immer wieder aufgegriffen wurden. Dazu zählen die Unbotmäßigkeit und die Phantasie. Zweitgenannte steht für die Kreativität und die Kraft der Verwandlung als ursprüngliche Anlagen, die der Menschen in den Zeiten der Moderne verliert, wenn er sich von deren Rationalismus unterjochen lässt.

Märchen sind größer als die Welt im Kopf

Der moderne Mensch lebt in einer märchenlosen Zeit, in einer Epoche, in der kein Platz mehr für das Mysterium, für das Dunkle und Archaische oder das Wunder bleibt. Gegen die Vorherrschaft der alles umfassenden Vernunft steht das Märchen mit seinem Helden der Unvernunft. Diese Heroen sind mutig, weil sie einfühlsam sind. Das Geheimnisvolle sieht sie unwiderstehlich in seinen Bann.

Diese Träumer schätzen im Gegensatz zum heutigen Mensch in seiner durchrationalisierten Welt die Poesie, die nichts anderes ist als die Kunst des Dichters, das Ungeheuerliche der menschlichen Existenz in Worten auszudrücken – sprich, dass die Welt größer ist als der Kopf.

Märchen sind unzerstörbar

Möglicherweise entstehen Märchen aus dem Wunsch heraus, die Welt poetisierend zu verbessern. Und möglicherweise sind sie unzerstörbar, weil sie von den Träumen der Menschen und ihrer Verzweiflung handeln. Sie geben den Geschundenen und Unterdrückten die Hoffnung, dass das Elend und die Not überwunden werden kann. Wer Märchen ließt, lernt an das Gute zu glauben.

Allerdings ist das Gute im Märchen nicht einfach das Gegenteil des Bösen, sondern etwas ganz und gar Unwahrscheinliches. Es kann die List der Toren, die Kraft der Schwachen oder Lohn der Angst und Schulung des Herzens sein.Die Brüder Grimm empfehlen ihren Lesern Mitleid, Treue und Mut in ihrem Leben zu praktizieren. Sünden wie Hartherzigkeit, Selbstsucht, Neid und Stolz sollen gemieden werden.

Der Mensch erscheint im Märchen als widersprüchliches Wesen

Wie in der Heiligen Schrift sollen die Sympathien auf Seiten der Unterdrückten und Erniedrigten sein. Manche Märchen sind sozialkritisch, aber nicht revolutionär, denn sie erzählen nicht nur vom Mut, sondern auch von der Demut. Sie möchten den Leser dazu erziehen, sich der Gefahr mutig entgegenzustellen, aber rufen nicht zum Königsmord auf. Es kann sein, dass im Märchen das Gute und das Böse drastisch dargestellt werden müssen, um den Unterschied erkennen zu lassen, der im wahren Leben selten völlig getrennt vorliegt.

Im Märchen wird der Widerspruch nicht getilgt, dass der Mensch gerade dasjenige erschaudernd ersehnt, was er fürchtet und dasjenige fürchtet, was er begehrt. Der Mensch erscheint wie in der Realität als widersprüchliches Wesen. Der bayerische Dichter und Filmemacher Herbert Achternbusch würde sagen: „Du hast keine Chance mehr, deswegen nutze sie.“

Von Hans Klumbies

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