Die Frigidität der Frau und die Impotenz des Mannes

Mit der Frigidität der Frau und der Impotenz des Mannes beschäftigte sich der Psychoanalytiker Wilhelm Stekel in den beiden Büchern „Die Geschlechtskälte der Frau“ (1921) und „Die Impotenz des Mannes“ (1920). Wilhelm Stekel erkannte in der sexuellen Unfähigkeit beider Geschlechter eine ausgeprägte Störung der Liebesfähigkeit. Denn der Psychoanalytiker war der Meinung, wer wahrhaft lieben könne, vermag auch in der sexuellen Vereinigung sein Glück zu finden. Wilhelm Stekel sieht wie Alfred Adler in dem Kampf der Geschlechter die zentrale Ursache der sexuellen Anomalien des modernen Menschen.

Der Kampf der Geschlechter ist für sexuelle Störungen verantwortlich

Schon die Knaben und Mädchen spüren die unterschiedliche Wertung von Mann und Frau. In beiden Geschlechtern entsteht deshalb ein so genannter männlicher Protest. Bei Männern führt das unter anderem zu Härte, Aggression, Grausamkeit sowie Gefühlsarmut. Bei der Frauen kommt es zur Ablehnung ihrer Geschlechterrolle, die ein sich Hingeben und sich führen lassen erfordert.

Die Revolte gegen das Frausein führt nicht selten zur Frigidität. Jedes sexualpathologische Phänomen wurzelt laut Wilhelm Stekel in der Lebensgeschichte der Betroffenen. In der sexuellen Abnormalität laufen sowohl viele Deformationen der Gefühle als auch falsche Verhaltensweisen und weltanschauliche Vorurteile zusammen.

Feindliche Gefühle gegenüber dem Partner führen zum Versagen beim Sex

Wilhelm Stekel kam es darauf an, den Patienten in der analytischen Kur umzuerziehen, das heißt seine Einstellung zu Liebe, Mitmenschlichkeit und Leibhaftigkeit zu wandeln. Wilhelm Stekel hat auch die verhängnisvollen Auswirkungen der traditionellen Moral für ein gesundes Sexualleben erkannt, die im Wesentlichen eine Moral der Verneinung der Triebe war. Wilhelm Stekel vertrat auch die These, dass jede Erziehung zur Angst, die Quelle von Neurosen und Sexualpathologie ist. An die Stelle der Angst lässt sich ebenso der Begriff Unwissenheit setzten.

Alles Nichtkönnen in der Sexualität ist laut Wilhelm Stekel ein Nichtwollen. Denn Frauen und Männer, die in der Sexualität versagen, haben feindliche Gefühle gegenüber dem anderen Geschlechtspartner. Solche ängstlichen oder kämpferischen Emotionen werden allerdings an den Rand ihres Bewusstseins gedrängt und existieren deshalb nur in einer Art Nebenbewusstsein.

Patienten lieben ihre Neurosen und betrachten sie als Lebenskunstwerke

Erklärt man einer frigiden Frau oder einem impotenten Mann den emotionalen Hintergrund ihrer sexuellen Störungen, antworten sie oft, dass sie das schon immer gewusst, ihm aber keine Bedeutung beigemessen hätten. Laut Wilhelm Stekel muss man die Patienten darüber aufklären, dass sie in ihrem Sexualleben gleichsam ernten, was sie in ihrem Gefühlsleben säen. Dieser einfache Zusammenhang bietet den Schlüssel zu vielen Sexualneurosen.

Wilhelm Stekel zeigt, wie sehr die Patienten an ihrer Neurose hängen, die sie als das Kunstwerk ihres Lebens betrachten. Er betonte, dass eine Heilung von Impotenz und Frigidität nur durch das Gewinnen einer neuen Lebensanschauung möglich ist. Es muss sich eine Haltung zum Leben entwickeln, die trieb-, menschen- und gefühlsfreundlich ist.

Kurzbiographie: Wilhelm Stekel

Wilhelm Stekel wurde am 18. März 1868 in Boyan in der Bukowina (Alt-Österreich) geboren. In Wien studierte er Medizin. Seit 1902 nahm er an den so genannten Mittwochsgesellschaften teil, die im Hause Sigmund Freuds stattfanden. 1912/13 löste sich Wilhelm Stekel von Sigmund Freud und gründete eine eigene Schule der Tiefenpsychologie. 1938 floh er, nach Hitlers Einmarsch, aus Österreich nach London. Am 25. Juni 1940 beging er in einem Hotel in der englischen Hauptstadt Selbstmord.

Von Hans Klumbies

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