Die Aufklärung sucht nach einem Ausgleich zwischen „Kopf“ und „Herz“

Als literarische und philosophische Epoche, die vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Revolution in Frankreich reicht, ist die Aufklärung keine einheitliche Bewegung, sondern lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen. Gotthold Ephraim Lessing ist Fortführer der literarischen Aufklärung, die mit Johann Christoph Gottsched begonnen hatte, und ist zugleich ihr schärfster Kritiker. Auch die Stürmer und Dränger setzen eine Tradition fort, die Gotthold Ephraim Lessing, aufbauend auf Johann Christoph Gottsched, geschaffen hat; sie sind zugleich Begründer einer neuen Tradition, in der Genie und das Gefühl die beherrschende Rolle spielten. Der empfindsame Mensch hatte damals in der deutschen Sprache eine sehr edle Bedeutung gewonnen. Auch in Deutschland bildete sich eine neuartige literarische und soziale Strömung aus, für die sich der Begriff „Empfindsamkeit“ sehr schnell eingebürgert und bis in die Gegenwart gehalten hat.

Immanuel Kant spricht von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“

Zurückgreifen konnten deren Vertreter auf empfindsame Tendenzen im Bürgerlichen Trauerspiel und auf die Gefühlswelt der Stürmer und Dränger. Gleichzeitig wurden Versuche unternommen, die „wahre“ von der „falschen“ Empfindsamkeit zu trennen und jenes Gleichgewicht zwischen „Kopf“ und „Herz“ wieder herzustellen, das zu den Grundforderungen der Aufklärung gehörte. An dem Miteinander und Gegeneinander von Rationalismus und Empfindsamkeit lässt sich die „Dialektik der Aufklärung“, von der Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrem gleichnamigen Buch (1944) gesprochen haben, hervorragend beobachten.

Als eine von ihren sozialen und politischen Voraussetzungen und Forderungen her widersprüchliche Bewegung konnte die Aufklärung den Ausgleich zwischen „Kopf“ und „Herz“ nicht praktisch realisieren. Sie trieb damit nicht nur die Nachtseiten einer instrumentalisierten Vernunft hervor, sondern sie ließ auch den Preis erkennen, den der Ausgang aus der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) jedem Einzelnen tendenziell abforderte: die Verkümmerung und Verstümmelung der emotionalen und sinnlichen Kräfte im Menschen.

Das Gefühl verkommt zur Ware und wird der Vermarktung unterworfen

Die bürgerlich-kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung begann ihren Siegeszug. Die Beherrschung der Natur und die Zähmung der Affekte sind zwei Seiten einer Medaille, sie sind die notwendige Konsequenz des „Prozesses der Zivilisation“ (Norbert Elias). In der Empfindsamkeit ebenso wie im Sturm und Drang drücken sich jene unterdrückten Wünsche nach einer ganzheitlichen Entwicklung aus, die die Aufklärung geweckt hatte, aber nicht einlöste. In bestimmten Formen der empfindsamen Dichtung, wie zum Beispiel der Schäferdichtung und Idyllik, sind Träume eines besseren Lebens aufbewahrt.

Die Dichter legten in ihren Werken Einspruch gegen die schlechte Wirklichkeit ein und versuchten ihre Erfahrung von Entfremdung abzuarbeiten. Dass darin eine so geringe gesellschaftliche Sprengkraft lag, ist nicht nur in den übermächtigen gesellschaftlichen Verhältnissen begründet, sondern auch in der frühzeitigen Abmilderung der „wilden Wünsche“ (Kabale und Liebe) ins Idyllische, Sentimentalische, Gefällige und Unverbindliche. Sehr rasch wurde das Gefühl zu einer Ware und dem Prozess der Vermarktung unterworfen. Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies

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