Der Optimismus der Menschen vor 1914 war schier grenzenlos

Karl Marx und andere progressive Denker haben ein Geschichtsbild geformt, in dem der Fortschritt zentral ist und alle historischen Hindernisse überwunden werden können. Philipp Blom erläutert: „Im 19. Jahrhundert war dieser Gedanke mehr als verständlich. Wissenschaft und Industrie schienen täglich neue Wunder zu vollbringen, und im Laufe der Jahrzehnte wurden Armut und Krankheiten immer weiter zurückgedrängt.“ Es schien, als sei die Zivilisation tatsächlich imstande, ein Neues Jerusalem zu bauen und Hunger, Armut, Unwissenheit und Krieg völlig auszurotten. Es ist heute schwer nachzuvollziehen, von welchem Optimismus viele Menschen in den westlichen Ländern vor 1914 getragen waren. Alles schien lösbar, alles schien möglich, die Kraft der Zivilisation schien unbegrenzt. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford und lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

Die Demokratie und die freien Märkte übernahmen die Vorherrschaft

Georg Wilhelm Friedrich Hegel und das Christentum vermischten sich in dem Glauben, die Kolonialreiche Europas agierten in höchster Mission und die Bekehrung der Heiden und ihre Ausbeutung seien die Erfüllung des göttlichen Willens. Das war die Energie, von der die jungen Männer befeuert wurden, sich freiwillig zu melden – auch wenn dieser Gedanke ihren weniger zukunftsgläubigen Urenkeln heute pervers und unverständlich scheint. Das Neue Jerusalem ist nicht gebaut worden.

Philipp Blom erklärt: „Die große Schlacht der Ideologien war geschlagen, Faschismus und Kommunismus lagen im Staub, der Kapitalismus rückte seine Lorbeeren zurecht. Nichts stand der globalen Siegesparade im Wege.“ Von nun an waren Demokratie und freie Märkte Exportartikel der westlichen Welt, insbesondere der Vereinigten Staaten, die sich den messianischen Mantel um die Schultern hängten und ihre historische Mission gewinnbringend mit der Erschließung neuer Märkte und der Sicherung von Rohstoffvorkommen verbinden konnten.

Die Öffnung der Märkte zerstörte lokale Strukturen in Schwellenländern

Der erste Exportversuch, in den Irak, war kein Erfolg. Trotz enormer Investitionen, jahrelanger Armeepräsenz und einer zweiten Armee von Experten und Beratern wurde nicht nur das destabilisierte Land selbst, sondern die gesamte Region in einen Kreislauf von Chaos und Gewalt gestürzt. Andere Versuche waren subtiler, verbanden Entwicklungshilfe und Kredite mit marktwirtschaftlichen Reformen, Privatisierungen und internationalem Wettbewerb. Sie wollten nicht nur satte Profite machen, sondern auch das Evangelium der liberalen Demokratie verbreiten.

Phillip Blom kritisiert: „Durch die erzwungene Öffnung der Märkte in Schwellenländer wurden lokale Strukturen zerstört, globale Investoren schufen de facto neue Kolonialreiche, die, ganz wie im 17. Jahrhundert, von gigantischen Unternehmen geführt wurden.“ Sie zerstörten auch lokale Lebensformen, verbreiteten wirtschaftliche Unsicherheit und erzeugten ein Gefühl der kulturellen Demütigung. Wie die alten Kolonialreiche setzte dieser neue, wirtschaftliche Kolonialismus die Praxis fort, das Wirtschaftswachstum des Westens durch die Ausbeutung von fossilen Energiequellen, natürlichen Ressourcen und billiger menschlicher Arbeit auf anderen Kontinenten voranzutreiben. Quelle: „Was auf dem Spiel steht“ von Philipp Blom

Von Hans Klumbies

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