Der normale Mensch, der Neurotiker und der Künstler

In seinem Buch „Wahrheit und Wirklichkeit. Entwurf einer Philosophie des Seelischen“ von 1929, entwirft Otto Rank eine philosophische Variante der Neo-Psychoanalyse. Im Zentrum seiner Überlegungen stehen der Wille und das Bewusstsein, wobei das Ich und nicht das Es im Vordergrund steht. Als Idealbild fungiert der Künstler, der sein Ich zum Ausdruck bringt, ohne die Zwänge der Gesellschaft zu missachten oder zu verleugnen. Der Mensch kommt zwar als triebhaftes Wesen zur Welt, wobei die Triebe für Otto Rank weder schlecht noch böse sind. Sie gehören zur Grundausstattung des Menschen, die sozialisiert und kultiviert werden müssen.

Der Geist steht über den Trieben

Das eigentlich Menschliche ist für Rank nicht der Trieb, sondern der Geist. In ihm manifestiert sich die Freiheit, das Bewusstsein und das Wollen des Menschen. Wille und Bewusstsein ergänzen sich im Geistigen, wodurch der Mensch eine relative Unabhängigkeit vom triebhaften Sein erlangt. Otto Rank postuliert, dass es im Wesen aller bisherigen Gesellschaften liegt, dem Willen des Menschen offen oder geheim einen unbarmherzigen Kampf angesagt zu haben. Der Mensch darf nicht wollen, was er will, sondern soll sich nach den Regeln seiner Eltern, des Staates, der Kirche oder seiner Gesellschaftsschicht richten.

So entstehen bei eigenen Willensäußerungen fast auch immer Schuldgefühle, die das Ich schwächen. Der eigene Wille kann sich aber auch behaupten, wenn er sich mutig mit der eigenen Triebhaftigkeit und der Gesellschaft auseinandersetzt. Nur im Zurückweisen äußerer Forderungen und Beeinflussungen entfaltet das Ich seine Eigenständigkeit. Persönlichkeiten, die ihre Autonomie pflegen, sind laut Otto Rank selten, und am ehesten unter Künstlern zu finden.

Das Weltbild des normalen Menschen ist verarmt und eingeschränkt

Bezüglich ihres Bewusstseins gegenüber der Wirklichkeit unterscheidet Otto Rank den normalen Menschen, den Neurotiker und das produktive Individuum. Der durchschnittliche Mensch gibt sich mit einer Scheinrealität zufrieden, die von der Mehrheit gebilligt wird. Sein Weltbild ist allerdings verarmt und eingeschränkt. Der Neurotiker widersteht zwar infolge von Angst und Trotz dem Zwang der Anpassung, erfährt aber teilweisen Realitätsverlust.

Er besitzt nicht die Willenskraft, um eine echte Unabhängigkeit zu entwickeln. Der Künstler rebelliert gegen die Mittelmäßigkeit in der Gesellschaft und schafft sich durch seinen starken Eigenwillen seine subjektive Welt, der er zur allgemeinen Anerkennung verhelfen will. Die Durchschnittsmenschen ordnen sich den Zwängen der Umwelt unter, während sich der Neurotiker ständig mit Wille und Gegenwille im eigenen Inneren kämpft.

Nur der produktive Mensch vermag es, den Willen, das Bewusstsein und seine Ideale zu einer Einheit zu verbinden. Obwohl alle Menschen laut Otto Rank unter Schuldgefühlen leiden, gelingt es nur dem Künstler seine echte Daseinsschuld durch Leistung abzutragen. Er verwandelt seine eigene, subjektive Wahrheit zur kollektiven Wirklichkeit. Am Ideal des Künstlers zeigt es sich, dass sich der Mensch selbst erlösen kann, denn nur durch sinnvolles Handeln wird er wirklich frei.

Kurzbiographie: Otto Rank

Otto Rank wurde 1884 in Wien geboren. Sein erstes Buch erschien 1907 unter dem Titel „Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsychologie“. Otto Rank entwickelte sich zu einem der treuesten Mitarbeiter von Sigmund Freud. Nach seiner Doktorarbeit über „Die Lohengrin-Sage“ (1911) wurde er Freuds Privatsekretär. 1924 veröffentlichte er die Werke „Das Trauma der Geburt“ und zusammen mit Sándor Ferenczi „Entwicklungsziele der Psychoanalyse“. Im selben Jahr reiste Otto Rank in die USA, wo er als Vortragsredner und Lehranalytiker wirkte.

1926 übersiedelte er nach Paris, wo er als Therapeut und Autor sehr erfolgreich arbeitete. 1929 trat er aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung aus. 1935 zog er ganz nach Amerika um. Bis zu seinem Tod im Jahre 1939 veröffentlichte Otto Rank noch eine Reihe von Büchern wie beispielsweise „Technik der Psychoanalyse“ (1926), „Seelenglaube und Psychologie“ (1931), „Erziehung und Weltanschauung“ (1929) sowie „Kunst und Künstler” (1930).

Von Hans Klumbies

Hinterlassen Sie eine Nachricht


Diese Artikel könnten Sie interessieren:


Eine illustrierte Reise durch das philosophische Denken

David Papineau, Professor für Philosophie an der Universität London, schreibt als Herausgeber in der Einführung zum Buch „Philosophie“: „Nur wenige Menschen sind dazu berufen, der Philosophie alles zu opfern; aber auch sonst gibt es Faktoren genug, warum Philosophie für jeden von uns von Bedeutung ist.“ Seiner Meinung nach müssen alle verantwortungsvollen Menschen zumindest zu bestimmten [...]


Die zehn Formen der positiven Lebenseinstellung

Eine positive Grundhaltung kann laut Barbara L. Fredrickson vielerlei Gestalt annehmen. Sie umfasst allerdings mehr als bloßes körperliches Wohlbefinden oder ein undeutliches Gefühl der Fröhlichkeit. Der Begriff „glücklich sein“ ist ihrer Meinung nach ebenso unscharf wie überstrapaziert. Je nachdem wie die genauen Umstände aussehen, lässt sich dieses Gefühl besser durch einen besseren, spezifischeren Ausdruck wie [...]


Der Mensch ist für seine Handlungen verantwortlich

Für Antonio Damasio gibt es zwei Formen, wie die Menschen ihre Handlungen lenken können, eine bewusste und eine unbewusste, wobei die unbewusste Lenkung durch die bewusste Form zum Teil geprägt werden kann. Er schreibt: „Kindheit und Jugend nehmen beim Menschen gerade deshalb so viel Zeit in Anspruch, weil es sehr lange dauert, die unbewussten Vorgänge [...]


Der Mensch kann seine Möglichkeiten voll ausschöpfen

Mit seinem Buch „Ich bin o.k. – Du bist o.k“ wollte der amerikanische Psychiater Thomas A. Harris nicht nur neue Erkenntnisse vermitteln, sondern auch eine Antwort auf die Frage geben, warum eigentlich Menschen ihre Möglichkeiten sowenig ausschöpfen, obwohl sie ziemlich genau wissen, was sie besser zu machen hätten. Obwohl die moderne Psychologie viel über das [...]


Die vielfältigen Vorteile eines Lebens mit Bewusstsein

Antonio Damasio ist davon überzeugt, dass sich Eigenschaften und Funktionen in der Evolutionsgeschichte des Lebendigen verändern, je nachdem, wie stark sie zum Erfolg von Lebewesen beitragen. Er schreibt: „Warum sich das Bewusstsein in der Evolution durchgesetzt hat, lässt sich am unmittelbarsten damit erklären, das es die Überlebensaussichten der damit ausgerüsteten Spezies nennenswert verbesserte.“ Laut Antonio [...]