Der Homo oeconomicus entspricht nicht der Realität

Forscher, die sich der Ökonomie widmeten, gingen 200 Jahre von derselben Fehlannahme aus. Sie beriefen sich auf ein Denken, das den Menschen als Homo oeconomicus ansah. Johannes Steyrer erläutert: „Der Mensch folge, so die Mutmaßung, kompromisslos dem Credo „Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag“ und versuche stets das Bestmögliche für sich herauszuholen.“ Alle Menschen seien geborene Opportunisten, rational agierend, bei der Durchsetzung ihrer Ziele ab und zu skrupellos, jedenfalls aber auf den bestmöglichen Deal für einen selbst aus. Begründet hat dieses Menschenbild Adam Smith (1723 -1790). Er gilt als Urvater der Ökonomie. Der Gedankengang seines Hauptwerks lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Für die Produktivität eines Landes ist die Arbeitsteilung ausschlaggebend. Die hat wiederum ihre tiefere Ursache in den menschlichen Neigungen zum Handeln und Tauschen.“ Johannes Steyrer ist seit 1997 Professor für Organizational Behavior an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Das Interesse des Einzelnen nützt gleichzeitig der Allgemeinheit

Menschen tauschen aber Leistungen nicht aus Nächstenliebe, sondern weil sie persönliche Vorteile verfolgen. Das klassische Zitat dazu lautet: „Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse.“ Dieser Satz gilt als die Geburtsstunde des Homo oeconomicus. Von da an wird der Mensch als Träger von Eigeninteressen gesehen, die er verfolgt, ja verfolgen muss, weil er sonst im Konkurrenzkampf unterliegt.

Das eigentlich Geniale der Theorie von Adam Smith liegt aber darin, als Erster erkannt zu haben, dass damit für alle Vorteile verbunden sind. Warum? Der Markt zwingt Händler und Produzenten dazu, den Konsumenten Billiges und Wertvolles zu bieten. Tun sie das nicht, gehen sie zugrunde. Daraus erwächst ein Wohlstandsgewinn für alle. Optimiert also der Einzelne seine Interessen, nützt er gleichzeitig auch der Allgemeinheit. Das war und ist für viele ungebrochen das Win-win-Modell der modernen Marktwirtschaft.

Das Ultimatumspiel stellt den Homo oeconomicus auf die Probe

Erst 250 Jahre nach Adam Smith wird sein Menschenbild genauer hinterfragt und überprüft. Wie geht man dabei vor? Johannes Steyrer erklärt: „Unter anderem wird dazu das sogenannte „Ultimatumspiel“ entwickelt. In diesem Spiel erhält eine von zwei Personen zufällig zum Beispiel 100 Euro zugesprochen.“ Daraufhin hat sie die Aufgabe, der zweiten Person ein Angebot zu machen, wie dieser Gewinn aufgeteilt werden soll. Sie kann alles, einen größeren Teil davon oder gar nichts hergeben.

Das Gegenüber entscheidet, ob es annimmt oder ablehnt. Verhandelt wird nicht. Bei Annahme wird das Geld, wie vorgeschlagen, aufgeteilt. Bei Ablehnung geht das Geld an den Spielleiter zurück, das heißt: Kommt es zu keiner Einigung, gehen beide leer aus. Das Experiment wurde unzählige Male durchgeführt. Ergebnis: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) lehnten Angebote unter 20 Prozent ab. Das war weder rational noch ergebnisoptimierend. Wie viel vom Gewinn wurde im Schnitt abgegeben. In westlichen Kulturen waren es 45 Prozent. Quelle: „Die Macht der Manipulation“ von Johannes Steyrer

Von Hans Klumbies

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