Der blinde Gehorsam gegenüber Autoritäten

Stanley Milgram war der Schöpfer eines der bekanntesten Experimente der Psychologiegeschichte, das unter dem Namen „Das Milgram-Experiment“ berühmt wurde. Ein Experimentleiter im weißen Kittel betreut zwei Freiwillige, von denen der eine die Rolle des Lehrers, der andere die des Schülers übernahm. Der Schüler wurde auf einem Stuhl festgebunden und sollte sich Wortpaare merken. Wenn der Schüler falsch antwortete, konnte ihm der Lehrer einen leichten elektrischen Schlag versetzen. Mit jedem Fehler erhöhte sich die Voltzahl und der Lehrer musste zusehen, wie der Schüler am Schluss vor Schmerzen aufschrie.

Die Autorität gewinnt gegen den moralischen Druck

Der Lehrer wusste aber nicht, dass der Schüler ein Schauspieler war und es keine Verbindung zwischen seinem Schaltkasten und dem Stuhl gab. Die meisten Teilnehmer, die den Lehrer spielten, empfanden Stress bei dem Experiment und sagten dem Leiter deutlich, dass dem Schüler kein weiterer Schmerz mehr zugefügt werden dürfe.

Doch dass ein Lehrer das Experiment abbrach, kam nur ganz selten vor. Die meisten folgten den Anweisungen des Leiters und versetzten den Schülern immer stärkere Stromstöße, selbst als die Schüler schrieen und aus dem Experiment aussteigen wollten. Der Wunsch, der Autorität zu gehorchen war offensichtlich stärker als der moralische Druck durch das Gewimmer der Gepeinigten.

Die Autoritätshörigkeit des Menschen entwickelte sich aus Überlebensgründen

Obwohl die Mehrheit der Probanden das Experiment als grausam und sinnlos empfand, stiegen sie nicht aus, sondern bauten sich Schutzmechanismen auf, um ihre Taten zu rechtfertigen. Beispielsweise konzentrierten sie sich ganz auf die technische Seite des Experiments oder übertrugen die moralische Verantwortung auf den Leiter. Einige glaubten, als Teil einer größeren, wichtigeren Sache zu handeln, andere entwerteten die Person, die die Stromschläge bekam.

Laut Stanley Milgram wurde die Autoritätshörigkeit beim Menschen aus reinen Überlebensgründen entwickelt. Es musste Anführer, Fußtruppen und hierarchisch aufgebaute Systeme geben, wenn eine Gemeinschaft etwas erreichen wollte. Der Mensch fürchtet die Isolation, will keine Unruhe stiften und verbringt seine ersten zwanzig Jahre damit, dass zu tun, was man ihm aufträgt. Der natürliche Antrieb, anderen nicht weh zu tun, wird dramatisch verändert, wenn jemand in eine Hierarchie eingegliedert wird.

Stanley Milgram: “Die Menschen sind nicht von sich aus grausam”

Stanley Milgram kam zu dem Schluss, dass die Menschen nicht von sich aus grausam sind, sondern es werden, wenn die Grausamkeit von einer Autorität verlangt wird. Ihn erschreckte die Tatsache, dass ein Durchschnittsmensch unter den entsprechenden Umständen anderen die grausamsten Dinge antun kann, ohne sich dabei besonders schlecht zu fühlen. Die Menschen lernen Autoritäten zu gehorchen, lernen aber nicht, wie sie gegenüber einer moralisch verwerflichen Autorität ungehorsam sein können.

Kurzbiographie: Stanley Milgram

Stanley Milgram wurde 1933 in New York geboren. 1954 schloss er sein Studium am Queens College mit einem Bachelor ab. Sein Doktorvater in Harvard war Gordon Allport, bei dem er darüber schrieb, warum sich Menschen konform verhalten.

An der Princeton Universität arbeitete Stanley Milgram mit Solomon Asch zusammen. Sein bekanntestes Buch ist „Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegen Autoritäten“. Stanley Milgram starb 1984 in New York.

Von Hans Klumbies

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