David Gelernter kennt die Themen des Traums

In Träumen ist eine endlose Zahl von Themen möglich, aber bestimmte Motive sind als Grundbestandteile anderer Gefühle allgegenwärtig. David Gelernter nennt ein Beispiel: „Das wichtigste davon ist eine bestimmte Form des Heimwehs, die Sehnsucht nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt und nie mehr geben wird.“ Die Trauer um den Verlust der Heimatwelt, die Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat, ist in gewisser Weise ein Zeichen, dass man Glück gehabt hat; wer sie erlebt, denkt voller Liebe oder Zuneigung – oder zumindest mit Nostalgie – an das vergangene Leben. Aber die Sehnsucht nach verlorener Heimat findet man selbst bei Menschen, die eine schlimme Kindheit hatten. Sie ist ein machtvoller und nahezu universeller Impuls, der nicht nur den eigenen Erinnerungen zugrunde liegt. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University.

Jeder Mensch hat eine geistige Uhr

Dazu kommt auch die kollektive Erinnerung an die gute alte Zeit, das vergangene goldene Zeitalter. David Gelernter weiß: „Träume erfüllen den tiefsten Wunsch aller Menschen: nach Hause zu gehen. Wir können es nicht. Und doch können wir es und tun es, im Inneren, jeden Tag.“ Überbewusstsein bedeutet für David Gelernter, dass den Menschen die Ressourcen zur Schaffung beständiger Erinnerungen fehlen; es mangelt ihnen an einem richtigen Sinn für das Selbst, und sie sind nicht in der Lage, mit brandneuen Erinnerungen so umzugehen und sie so zu festigen, dass sie von Dauer sind.

Dass die Menschen ihre Träume vergessen, hat aber auch andere Gründe. Zum einen wird der Zeitfaden, der sie begleitet, mit Beginn eines Traumes unterbrochen. Seit dem späten Säuglingsalter oder der frühesten Kindheit sind sich die Menschen des stetigen Fließens der Zeit bewusst. Jeder hat eine geistige Uhr. Die meisten Menschen können ohne weiteres sagen, was sie vor zehn Minuten getan haben oder vor einer halben Stunde, vor drei Stunden oder zwei Tagen. Durch Träume verläuft jedoch keine lineare Zeitschiene.

Jeder Traum bewohnt seine eigene Welt

David Gelernter erläutert: „Für die Zeit, die in unsere Träume hineinreicht, haben wir keinen zusammenhängenden, kontinuierlichen Maßstab. Jeder Traum bewohnt seine eigene Welt mit ihrer eigenen Uhr.“ Die Zeitlinie jedes Traumes ist getrennt von jener, die das sonstige Alltagsleben begleitet. Jeder Traum hat eine Zeitlinie, die parallel zu dieser Haupt-Zeitlinie verläuft, das heißt, die beiden Zeitlinien treffen nie zusammen. Schließlich gibt es noch einen letzten, einfachen Grund, warum man sich an Träume so schwer erinnert.

In der Regel wir der Träumer in seltsame Traumwelten entführt, die ihre eigene Szenerie, ihr eigenes Mobiliar und in einem gewissen Sinn auch ihr eigenes Personal haben; Traummenschen stimmen nicht ganz mit realen Menschen überein. Wer aus der Realität in den Traum zurückblickt, sieht eine ganze Welt, die nur geringfügig, aber merklich von der Realität abweicht. Es ist, als wäre die ganze Traumwelt ein wenig um ihre Achse gekippt – möglicherweise um 15 Grad. Das ist genug, damit alles etwas verschoben ist. Quelle: „Gezeiten des Geistes“ von David Gelernter

Von Hans Klumbies

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