Bewusstsein ist eine Art mentale Berührung

David Gelernter vertritt die These, dass man ein Thema wie das Bewusstsein, das von seinem Wesen her subjektiv ist, nicht ohne Introspektion untersuchen kann. Die Phänomenologen erinnern an etwas Wichtiges: Wenn Introspektion erforderlich ist, muss man dabei sorgfältig und systematisch vorgehen – man muss sich laut Edmund Husserls Worten immer darum bemühen, zu „sehen“ oder zu „schauen“, welche allgemeinen Gesetzte sich im eigenen Erleben offenbaren. In jeder Erfahrung spiegeln sich nämlich die grundlegenden Gesetze des jeweiligen Wissensgebiets wieder – falls es solche Gesetze gibt. Durch das Schlüsselloch seines Erlebens kann man erkennen, wie das Bewusstsein strukturiert sein muss, damit es das Erlebnis möglich machen kann. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale University. In seinem jüngsten Buch „Gezeiten des Geistes“ erklärt David Gelernter, warum Computer und künstliche Intelligenz die Tiefen der menschlichen Subjektivität nicht ausloten können.

Das Zimmer mit Aussicht ist eine Metapher für den Geist

David Gelernter warnt: „Doch Introspektion ist auch leicht misszuverstehen. Wer sie betreibt, scheint auf den ersten Blick zu sagen: Mein Geist funktioniert so und so; daraus schließe ich, dass auch der Geist mancher anderer genauso funktioniert. Aber von dieser Annahme geht man nicht aus, wenn man Introspektion betreibt! Die Existenz von Phänomenen zu leugnen, die man im eigenen Geist beobachtet hat, ist schwierig. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear erklärt: „Solange ein Mensch nicht in der Lage ist, die Begriffe mit Anschauungen aus seinem eigenen Leben zu füllen, wird sein Verständnis für diese Begriffe leer bleiben.“

Das Zimmer mit Aussicht, in dem man eingesperrt ist, ist eine naheliegende Metapher für den Geist und das phänomenale Bewusstsein. Das heißt, für das subjektive Erleben, das augenblickliche Gefühl der Realität. David Gelernter erläutert: „Bewusstsein ist etwas Unmittelbares, Direktes und Intimes, eine Art mentale Berührung. Wir sind uns einer Sache bewusst, wenn unser Geist sie „berührt“ und von ihr berührt wird. Bewusstsein ist das Gefühl, das durch die Gedanken in unserem Geist oder durch Gegenstände oder Ereignisse in der Außenwelt geschaffen wird.“

Die Qualität des Bewusstseins verändert sich ständig und drastisch

Jede Interaktion mit der Welt ist etwas, dessen man sich bewusst ist, und damit auch etwas, was man erlebt, was man fühlt. Der australische Philosoph David Chalmers fasst dies in folgende Worte: „Das Spektrum bewusster Erlebnisse reicht von lebhaften Farbwahrnehmungen bis zum Erleben des zartesten, diskretesten Duftes; vom bohrenden Schmerz bis zum schwer fassbaren Erlebnis des Gedankens, der uns auf der Zunge liegt … All dies hat eine eigene Erlebensqualität … Um es anders auszudrücken: Man kann sagen, dass ein mentaler Zustand bewusst ist, wenn er sich qualitativ anfühlt – wenn er mit einer Qualität des Erlebens verbunden ist.“

Nun verändert sich die Qualität des Bewusstseins ständig und drastisch, während man sich im Laufe eines Tages durch das Spektrum bewegt. David nennt ein paar Beispiele: „Wach, schlafend und träumend, bewusstlos sind grobe Beschreibungen für drei verschiedene Qualitäten des Bewusstseins.“ Der Neurophysiologe Allan Hobson schreibt: „Die vordringlichste Aufgabe einer Wissenschaft des Geistes, nämlich entgegengesetzte Bewusstseinszustände wie Wachen und Träumen zu beschreiben, zu definieren und zu messen, wird erst in jüngster Zeit ernst genommen.“ Quelle: „Gezeiten des Geistes“ von David Gelernter

Von Hans Klumbies


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