Die Leistungsgesellschaft ist extrem konkurrenzorientiert

Der Siegeszug des Leistungsprinzips hat unter anderem dazu beigetragen, dass fast jeder Mensch davon überzeugt ist, im Grunde eine großartige Persönlichkeit zu sein. David Brooks fügt hinzu: „Er hat außerdem Tendenzen zu Selbstverherrlichung verstärkt. Jeder, der die letzten sechzig bis siebzig Jahre durchlebt hat, ist das Produkt einer Leistungsgesellschaft, die extrem konkurrenzorientiert geworden ist.“ Die meisten dieser Menschen haben ihr Leben mit dem Versuch verbracht, etwas aus sich zu machen, etwas zu bewirken, einigermaßen erfolgreich zu sein. Das bedeutete, sich im Wettstreit mit anderen durchzusetzen und möglichst gute Leistungen zu erzielen – in der Schule gute Noten zu bekommen, an einer renommierten Hochschule zu studieren, den richtigen Job zu ergattern, beruflich erfolgreich zu sein und sozial aufzusteigen. David Brooks arbeitet als Kommentator und Kolumnist bei der New York Times. Sein Buch „Das soziale Tier“ (2012) wurde ein internationaler Bestseller.

Das Selbst ist der Träger des Humankapitals

Dieser Konkurrenzdruck hat zur Folge, dass die Menschen mehr Zeit, Energie und Aufmerksamkeit für den erfolgreichen Aufstieg aufwenden müssen und dass sie der Innenwelt weniger Zeit, Energie und Aufmerksamkeit widmen können. David Brooks hat bei sich selbst eine gewisse Leistungsmentalität entdeckt – und diese auch bei anderen beobachtet –, die auf der Aufwertung des Selbst und seiner Fähigkeiten in der romantischen Tradition basiert, die jedoch künstlerische und spirituelle Ich-Ressourcen gänzlich ausklammert.

David Brooks erklärt: „Wenn moralische Realisten das Selbst für eine Wildnis hielten, die gebändigt werden müsse, und wenn die New Ager in den 1970er-Jahren das Selbst als einen Garten Eden betrachteten, der verwirklicht werden müsse, sehen Menschen, die in einer konkurrenzorientierten Leistungsgesellschaft leben, das Selbst eher als eine Ressource, die kultiviert werden muss.“ Das Selbst wird hier weniger als Sitz der Seele oder als Gefäß eines transzendenten Geistes angesehen. Vielmehr ist das Selbst Träger von Humankapital.

Der Maßstab des Selbst ist das Talent

Das Selbst besteht aus einer Reihe von Fähigkeiten, die effizient und besonnen kultiviert werden sollten. Es wird durch seine Aufgaben und Leistungen definiert. Der Maßstab des Selbst ist nicht der Charakter, sondern das Talent. Die Leistungsgesellschaft setzt gewaltige Energien frei und klassifiziert Menschen nach ihrem Leistungsvermögen. Aber sie wirkt sich auch in subtiler Weise auf den Charakter, die Kultur und die Werte aus. David Brooks erläutert: „Ein stark konkurrenzorientiertes System auf Leistungsbasis ermuntert Menschen dazu, intensiv über sich selbst und die Kultivierung ihrer Fähigkeiten nachzudenken.“

Die Arbeit wird ein der Leistungsgesellschaft zum definierenden Merkmal eines Lebens, insbesondere wenn man nach und nach aufgrund einer bestimmten Arbeit Einladungen zu exklusiven gesellschaftlichen Ereignissen erhält. Auf eine kaum merkliche, sanfte, aber alles durchdringende Weise flößt dieses System den Menschen ein gewisses Nutzenkalkül ein. Das Leistungsdenken fördert auf subtile Weise ein instrumentelles Ethos, bei dem jedes gesellschaftliche Ereignis und jede Bekanntschaft zu einer Gelegenheit wird, seinen Status und seine beruflichen Aufstiegschancen zu verbessern. Quelle: „Charakter“ von David Brooks

Von Hans Klumbies


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