Das eigene Selbst hat mehr Aufmerksamkeit verdient

In seinem Buch „Wir sind überall, nur nicht bei uns selbst“ fordert Georg Milzner seine Leser dazu auf, sich gegen den Verlust des eigenen Selbst zu wehren. Für den Autor ist dies eine der großen Herausforderungen der Gegenwart. Denn viele Menschen erleben ein Gefühl der inneren Unruhe und Getriebenheit, die ihnen das Gefühl vermitteln, niemals irgendwo anzukommen. Manchmal erscheint dann einem Menschen, alles was er sich erarbeitet hat, als wertlos. Erschreckend ist auch, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene keine Ahnung haben, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen sollen. Deshalb beschreibt Georg Milzner, wie man Gefahren für die menschliche Psyche in Chancen umwandelt, um Authentizität und emotionale Gesundheit wiederzuerlangen. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Multitasking kann als innere Spaltung beschrieben werden

Georg Milzner gibt Antworten auf die großen Fragen nach Identität und Selbstfindung und zeigt individuelle und gesellschaftliche Auswege. Gegliedert hat der Autor sein Buch in drei große Teile. Im ersten geht es unter anderem darum, warum viele Menschen scheinbar anwesend, aber in Wirklichkeit abwesend sind, warum man Multitasking als innere Spaltung bezeichnen kann und warum sich das Selbst im Dschungel der unendlichen Möglichkeiten der Gegenwart ganz leicht verlaufen kann.

Im zweiten Abschnitt beschreibt Georg Milzner das wuchernde Phänomen des Narzissmus. Viele Menschen möchten zumindest einmal im Leben 15 Minuten ein Star sein und im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Ob es sich dabei um ihre wahre Identität oder ein künstliches Selbst handelt, kann jeder selbst entscheiden. Außerdem setzt sich der Autor mit dem überall um sich greifenden Schwarmverhalten auseinander, bei dem das künstliche Selbst in der Masse verlorengeht. Ein Kapitel handelt vom Burn-out nach dem Motto: „Ich leiste, also bin ich.“

Die Selbstwahrnehmung leidet unter der Sicht auf Äußerlichkeiten

Im dritten großen Teil des Buchs „Wir sind überall, nur nicht bei uns“ spricht der Autor die Einladung aus, das eigene Selbst neu kennenzulernen und zeigt zehn Wege auf, wie man das erreicht. Der Autor möchte die Menschen dazu bringen, ihre Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf sich selbst zu konzentrieren und auf diejenigen, die ihnen wichtig sind. Denn die meisten Menschen sind in der hektischen Gegenwart immer weniger Herren ihrer eigenen Aufmerksamkeit, weil das moderne Bewusstsein in einem ständigen Reiz-Reaktion-Modus gefangen ist.

Vereinfacht könnte man sagen: „Je mehr wir nach draußen schauen, desto weniger nehmen wir uns selbst wahr. Wir stellen uns zwar mehr dar, aber wir erleben uns weniger.“ Für die Wahrnehmung des eigenen Selbst, des Selbstgefühls bleibt immer weniger Raum. Georg Milzner hat sein Buch auch deswegen geschrieben, weil er sich um die Verteilung der persönlichen Aufmerksamkeit Sorgen macht. Immer häufiger bekommen Menschen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten: die Liebsten, die Kinder, die Freunde. Und auch das eigene Selbst geht oft leer aus.

Wir sind überall, nur nicht bei uns
Leben im Zeitalter des Selbstverlusts
Georg Milzner
Verlag: Beltz
Gebundene Ausgabe: 264 Seiten, Auflage: 2017
ISBN: 978-3-407-86449-9, 19,95 Euro

Von Hans Klumbies

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