
Januar 23, 2012 | Geschrieben von hkl - Kategorie
Wirtschaft
Der Brockhaus definiert das Wort Elite als Bezeichnung für eine soziale Gruppe, die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch eine besondere Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft auszeichnet und deren Mitglieder aufgrund einer sich wesentlich an dem persönlichen Leistungswillen orientierende Auslese in diese Position gelangt sind. Gegen eine solche Führung, gegen eine im Grundsatz klassenlose Gesellschaft, die sich immer wieder neu allein durch Leistung ausdifferenziert gäbe es aus der Sicht des ehemaligen Topmanagers Daniel Goeudevert auch keine großen Einwände. Er schreibt: „Weitgehende Chancengleichheit vorausgesetzt, so könnte man sagen, ist die individuelle Leistung in einer Demokratie tatsächlich die einzige legitimierbare Rechtfertigung für Ungleichheit.“ Der Topmanager Daniel Goeudevert war Vorsitzender der deutschen Vorstände von Citroën, Renault und Ford sowie Mitglied des Konzernvorstands von VW.
Ökonomen und Politiker kämpfen für mehr Leistungsgerechtigkeit
Allerdings stellt sich Daniel Goeudevert die Frage, ob das wirklich so funktioniert. Glaubt man den Spitzenkräften der deutschen Wirtschaft, trifft dies voll und ganz zu. Die übergroße Mehrheit der Topmanager trifft in Interviews regelmäßig die Aussage, dass die persönliche Leistung das entscheidende Kriterium für ihren Aufstieg gewesen sei. Leistungsfremde Kriterien wie Vermögen, Beziehungen oder politische Verbindungen halten diese Topmanager für völlig nachgeordnet und würden den Weg an die Spitze eines Konzerns nicht beeinflussen.
Vertreter aus Wirtschaft und Politik werden nicht müde, für mehr Leistungsgerechtigkeit zu kämpfen, da nur sie Bildung, Fähigkeiten und Wissen angemessen honorieren könne, ganz im Gegensatz zum gleichmacherischen deutschen Sozialstaat. Mehr Wettbewerb, flexiblere Löhne, stärkere Leistungsorientierung im Bildungswesen, mehr Eigenverantwortung und private Vorsorge sind für die Anhänger dieser Richtung der Wirtschaftspolitik die richtigen Anreize und würden praktisch automatisch für mehr Gerechtigkeit sorgen.
Die Rede von einer Leistungselite ist nichts als ein Mythos
Das klingt zwar alles auf den ersten Blick recht plausibel, hat aber laut Daniel Goeudevert mit der Realität herzlich wenig zu tun. Der Elitenforscher Michael Hartmann hat bewiesen, dass die Rede von einer Leistungselite nichts als ein Mythos ist, der vor allem von jenen genährt wird, die sich dieser Elite selbst zugehörig fühlen. Für Daniel Goeudevert ist der ständige Verweis auf das Leistungsprinzip nicht zuletzt der Versuch, den immer krasser werdenden Unterschieden in Macht und Einkommen einen legitimen Anspruch zu verleihen.
Michael Hartmann hat festgestellt, dass es in Deutschland eine herrschende Klasse gibt, die sich keineswegs durch freien Wettbewerb herausbildet, sondern sich durch eine relativ geschlossene soziale Rekrutierung auszeichnet. Diese Oberschicht ist nach seinen Erkenntnissen nach wie vor das Bürgertum, dessen Nachkommen die Führungspositionen vor allem in der Wirtschaft, Politik, Justiz und Kultur nahezu ausschließlich unter sich aufteilen. Elitenforscher Hartmann kommt zu folgendem Schluss: „Das richtige Elternhaus ist wichtiger als der Bildungserfolg.“
Von Hans Klumbies
Kategorien: Wirtschaft |
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