Claude Simon revolutioniert die europäische Romankunst

Der Schriftsteller Claude Simon entwickelt in seinen Geschichten Erzählformen und Satzkonstruktionen, die nach Marcel Proust und James Joyce, dem europäischen Roman eine neue Form geben. Dafür hat Claude Simon im Jahr 1985 den Nobelpreis für Literatur erhalten. In den Romanen „Der Wind“ (1957) und „Das Gras“ (1960) wendet der Autor schon die für ihn typischen langen Sätze an, die alle Konventionen des Satzbaus zertrümmern. In seinem siebten Werk „Die Straße in Flandern“ (1960) löst Claude Simon auch die überkommene Form des Romans ab. Er nimmt Abschied von psychologisch kausaler Schlüssigkeit, Chronologie und Handlung. Stattdessen konfrontiert er seine Leser mit in einen suggestiven Mahlstrom rotierender und immer wieder variierten Bilder, der in die Tiefen des Lebens vordringt, wie es zuvor in der europäischen Literatur nicht dagewesen ist.

Zu den Vorbildern von Claude Simon zählen James Joyce und Marel Proust

Literaturkenner empfehlen zum besserer Verständnis der Romankunst von Claude Simon, die „Vier Vorträge“ zu lesen, ein revolutionäres Manifest, in dem der Autor seine Arbeitsweise erklärt. Zudem enthalten die „Vier Vorträge“ eine Abrechnung mit den französischen Schriftstellern von Denis Diderot bis Albert Camus, wie man sie zuvor in solcher Härte von einem Franzosen noch nicht gelesen hat. In der Universität Bologna erklärt Claude Simon seinen Zuhörern im Jahr 1982 folgendes: „Außer für einige Seiten, die Stendhal der Beschreibung der Schlacht von Waterloo widmet, ist es mir nie gelungen, mich für die Romane der traditionellen Art zu interessieren, so wichtig manche von ihnen für die Geschichte und die Entwicklung der Literatur sein mögen.“

Laut Claude Simon setzen diese klassischen Romane nur eindeutige Personen in Szene, soziale Typen, deren Seelenleben bis zur Karikatur vereinfacht ist. Außerdem sind sie seiner Meinung nach alle mit dem Blick auf die Entwicklung einer Moral geschrieben, sei sie religiöser, psychologischer oder sozialer Art. Die echte und lebendige Romanliteratur beginnt für Claude Simon er mit Fjodor Michailowitsch Dostojewski, James Joyce, Marcel Proust, Franz Kafka und William Faulkner.

Für Claude Simon gilt nur das Abenteuer der Erzählung im Moment des Schreibens

Es sind Sprachbilder und Wortharmonien, die bei Claude Simon die Kausalität des Erzählens ersetzen. Der Literaturnobelpreisträger erläutert: „Während im traditionellen Roman der Sinn schon vor der Arbeit des Schriftstellers existiert, geht er jetzt erst aus der Arbeit hervor.“ Für Claude Simon gibt es kein Draußen mehr, das er beschreibt, keinen Plan, den er umsetzt, keine Idee, die er zu Papier bringen möchte. Statt der Beschreibung eines Abenteuers gibt es nur noch das Experiment der Erzählung in der Gegenwart des Schreibprozesses.

Claude Simon erläutert: „Wenn ich vor einem leeren Blatt sitze, bin ich mit zweierlei konfrontiert: einerseits dem trüben Magma von Gefühlen, Erinnerungen und Bildern in mir, andererseits der Sprache, der Wörter, die ich suche, der Syntax, die sie ordnen wird und in deren Schoß sie sich gewissermaßen kristallisieren werden. Dabei zwingt mich die Sprache zwar in ihre Ordnung, schlägt mir aber auch bei jedem Wort eine Vielzahl von Perspektiven, von möglichen Wegen, Bildern, Harmonien, von unvorhergesehenen Akkorden vor.“ Claude Simon wurde am 10. Oktober 1913 geboren und starb am 6. Juli 2005.

Von Hans Klumbies

 

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