Eine Nation definiert sich durch Willkür und Wille

Am 11. März 1882 hält der französische Historiker, Schriftsteller und Philosoph Ernest Renan an der Sorbonne in Paris einen Vortrag. „Was ist eine Nation?“, fragt Ernest Renan, dessen Forschungsgebiet nationale Identitäten sind, und unterzieht im Weiteren die vier vermeintlichen Wesensmerkmale einer Nation – Rasse, Sprache, Religion, Geografie – einer kritischen Prüfung. Nationen sind, so darf man Ernest Renan verstehen, in der Geschichte etwas ziemlich Neues: „Das Vergessen – ich möchte fast sagen: der historische Irrtum – spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, die Vereinigung vollzieht sich immer auf brutale Weise.“ Christian Schüle erklärt: „Über Jahrhunderte hinweg war es üblich, dass die Nation vor allem eine Dynastie war, die eine alte Eroberung repräsentiert, mit der die Masse der Bevölkerung sich zunächst abgefunden und die sie dann vergessen hat.“ Seit dem Sommersemester 2015 lehrt Christian Schüle Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

Nationen unterliegen nichts anderem als dem Lauf der Zeit

Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Sie unterliegen nichts anderem als dem Lauf der Zeit. Christian Schüle erläutert: „Viel mehr als durch Rasse, Blut, Sprache, Religion oder Geografie definiert sich die Nation durch Willkür und Wille einer bestimmten Gruppe mächtiger Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt der Weltläufe.“ Die Idee der Nation, deren Geschichte an den Beginn der Neuzeit zurückreicht, hat, im Gegensatz zur Idee des Staates, seltsamerweise bis heute keine klar definierten Kriterien anzubieten.

Denn es ist unmöglich, Traditionen, Sitten, Bräuche topografisch so klar zu trennen und abzugrenzen, dass eine Grenzziehung als Nation über den Status einer Willkür hinaus gerechtfertigt wäre. Christian Schüle weiß: „Jene, die völkisch denken, die also ein kompaktes Volk voraussetzen und ihm positive Eigenschaften zuschreiben (fleißig, deutsch, blond und so weiter), bauen ihr Gebilde einer Nation auf dem Fundament einer fiktiven Abstammungsgemeinschaft innerhalb eines Raumes auf.

Die Nation ist begrenzt wie auch souverän

Fast auf den Schlag ein Jahrhundert nach Ernest Renan bietet der amerikanisch-irische Historiker Benedict Anderson ein neues Konzept an und versteht unter Nation eine „vorgestellte Gesellschaft“. In seinen Überlegungen zur geschichtlichen Ausbreitung des Nationalismus kommt Benedict Anderson zu folgendem Schluss: Eine Nation definiere sich durch Begrenztheit, Souveränität und Selbstlegitimation mittels Zustimmung der Bürger. Er schreibt 1983: „Die Nation ist eine vorgestellte politische Gemeinschaft – von Natur aus begrenzt wie auch souverän“.

„Vorgestellt“ ist jene Gemeinschaft deswegen, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation deren andere Mitglieder niemals persönlich kennen, sie niemals persönlich treffen oder auch nur je von ihnen hören, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert. Zusammenfassend lässt sich sagen: „Nation ist nicht gleich Staat.“ Zu keiner Zeit kann man davon sprechen, dass die Abermillionen Menschen innerhalb eines umgrenzten Gebiets durch irgendetwas anderes oder Höheres vereint oder verbrüdert sind als durch die Besiedlung des besagten Gebiets selbst. Quelle: „Heimat“ von Christian Schüle

Von Hans Klumbies

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