Die Beschwörung der Heimat geschieht durch Abspaltung

Die kämpferische Verschärfung der Beschwörung der Heimat geschieht durch Abspaltung. Christian Schüle weiß: „Ihre quasi heilige Berufung auf eine glorreiche Vergangenheit ist allen sezessionistischen und separatistischen Gruppierungen eigen.“ Fast immer sind ihre Argumente zugleich ökonomischer und ökologischer Natur: Wohlhabende Regionen grenzen sich gegen jene ab, die ihren Wohlstand von außen bedrohen und ihre Regionen einwandern, weil aus separatistischer Sicht Wohlstand und Region Synonyme sind. Einer politischen Abgrenzung entspricht als typische Geisteshaltung der Separatismus, vielfach zu studieren an Unabhängigkeitsgelüsten in Norditalien, im Baskenland, in Katalonien, in Schottland und in der Ost-Ukraine. Der Traum vom eigenen Ministaat, von der heilen Welt der unverdorbenen, autarken, autonomen Heimat, bringt die Selbstbestimmung der regionalen Bürger in Stellung gegen die Fremdbestimmung durch die eigene Nation oder etwa den „Suprastaat“ der Europäischen Union. Seit dem Sommersemester 2015 lehrt Christian Schüle Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

Sezessionismus ist ein Nationalismus en miniature

Christian Schüle erläutert: „Der Separatismus dieser „innerstaatlichen“ Unabhängigkeitsbewegung ist, historisch betrachtet, relativ neu und schwingt das Banner der Gerechtigkeit für die bedrohte, schützenswerte Minderheit.“ Separatistische Sehnsüchte keimen meist in Regionen, die keinerlei Tradition als Transitland haben. Sie wollen die Trennung von dem, was für sie nicht zusammengehört, was fremd ist und das Eigene bedroht.

In ihnen ist der Gedanke der Homogenität am ausgeprägtesten. Homogenität setzt immer Ablehnung voraus und bringt immer Ablehnung hervor. Sezessionismus ist ein Nationalismus en miniature, und er macht Heimat zur religiösen Letztbegründung seines retrospektiven Selbstverständnisses: die Definition des Eigenen über die Erinnerung an die Vergangenheit, die, in dieser Erinnerung, stets glorreich und gülden ist. Niemand würde sich eine Vergangenheit herbeiwünschen, die geprägt ist von Zerstörung, Schmutz und Gefahren.

Die Überlegenheit des Eigenen gegenüber dem Fremden ist fast nie gerechtfertigt

Separatistische und sezessionistische Sehnsüchte zielen auf geschlossene Gesellschaften und den Ausschluss des Heterogenen, auf die Begrenzung der Vielfalt durch Einfältigkeit. Christian Schüle erklärt: „Darin steckt die Legitimation einer scheinbaren Überlegenheit des Eigenen gegenüber den Fremden, eine Annahme, die kulturell, sozial und ökonomisch so gut wie nie gerechtfertigt ist, weil sie ihren Gegensatz, das Fremde also, nur über nicht veränderbare, persönliche, oft genetisch bedingte Merkmale gewinnen kann.“

Nach der Genfer Flüchtlingskonvention gibt es kein Recht für jeden, in Europa aufgenommen zu werden, und wenn Menschen das Gefühl haben, dass dies dennoch geschieht, prägt sich Widerstand aus. In der vom Recht gedeckten Berechtigung auf Ablehnung wird die zufällige Anwesenheit des Eigenen auf einem bestimmten Boden aber zum überrechtlichen Anspruch legitimiert, gegen das Fremde einzuschreiten. Im Fall politisierter Heimat und dem unvermittelten Gegensatz von Ein- und Ausgrenzung kommt einer der ältesten rechtsphilosophischen und theologischen Konflikte in exemplarischer Weise zum Tragen: Naturrecht gegen positives Recht. Quelle: „Heimat“ von Christian Schüle

Von Hans Klumbies

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