Der sokratische Dialog ist die mächtigste Waffe der Aufklärung

Das Auftreten des Philosophen Sokrates und das Denken der Sophisten markieren deshalb einen Einschnitt in die Geschichte der Philosophie, weil man nun systematisch daran ging, die alles Tun und Lassen leitenden Normen ausschließlich aus der Vernunft zu begründen. Platon sieht in der Methode, die das Gespräch bestimmt, der Dialektik, eine Gabe der Götter, die „irgendein Prometheus“ den Menschen zugleich mit dem Feuer gebracht habe. Bernd Roeck erläutert: „Der sokratische Dialog ist die mächtigste Waffe der Aufklärung, der Wahrheits- und Weisheitssuche geweiht, ethisch und ätzend zugleich.“ Oft durchflittern ihn subversive Elemente, Ironie blitzt auf, Sarkasmus mischt sich dazwischen. Häufig ist schwer zu beurteilen, welchem Gesprächsteilnehmer, welcher Position die Sympathie eines Autors gehört. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.

Jegliches Wissen wird einer kritischen Prüfung unterzogen

Im ironischen Unterton deutet sich das revolutionäre Potential an, das im Dialog steckt. Humorlosigkeit und weitgehende Distanz zur Ironie, dafür aber wieder existenzieller Tiefgang kennzeichnen die spätantike christliche Variante der Gattung, für die neben anderen Augustinus steht. Sokrates` Dialog war eine für alle Konvention und Tradition gefährliche Technik. Giordano Brunos Schrift „Über das Unendliche, das Universum und die Welten“ und Galileis „Gespräch über die zwei vornehmlichsten Weltsysteme“ illustrieren, was sein Wesen ausmacht: Rede und Gegenrede treffen aufeinander, Argumente werden ins Feld geführt, das stichhaltigere siegt.

Bernd Roeck schreibt: „Der Zweifel bleibt beharrlich bis zuletzt. Erkenntnisprinzip und Schiedsrichterin ist die Vernunft. Bis heute beruht der wissenschaftliche Diskurs auf solchen Prinzipien.“ Das Fragen und Weiterfragen kann schließlich zur Einsicht führen, dass es Nichtwissen gibt und Probleme, für die sich trotz aller Anstrengung keine Lösung finden lässt. Darin lag die Trennung zwischen Philosophie und Theologie, zwischen Religion und Wissenschaft begründet. Der Sokrates in den Mund gelegte Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ forderte dazu auf, alles, was man zu wissen glaubte, einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Ein Skeptiker sollte mit dem Fragen niemals aufhören

Die Wiederentdeckung der skeptischen Tradition – der Begriff kommt von „skeptesthai“, also „untersuchen“, „prüfen“ – wird am Beginn der neuzeitlichen Philosophie stehen. Den Anfang dieser Tradition machte Pyrrhon von Elis (um 365 – 275 v. Chr.), der die Möglichkeit von Werturteilen bestritt, die sich tatsächlich allein menschlichem Aushandeln verdankten; selbst die Existenz der Außenwelt entziehe sich dem Beweis. Arkesilaos (um 315 – 240 v. Chr.) machte immerhin das Zugeständnis, dem Menschen sei ein Urteil darüber, ob Glaubhaftes oder Wahrscheinliches gesagt werde, möglich.

Ethischer Maßstab blieb, was der Vernunft entsprach. Wie Pyrrhon von Elis empfahl er Urteilsenthaltung. Nur dadurch sei Unerschütterlichkeit, „ataraxia“, zu gewinnen, auch wenn der Skeptiker stets gehalten ist, mit dem Fragen nicht aufzuhören. Von den Griechen, den Erfindern der Komödie, ließ sich nicht nur skeptisches Stirnrunzeln lernen, sie lehrten auch Ironie, Spott und Humor und deren schwarzen Bruder, Zynismus. Aristophanes (450/444 – um 380 v. Chr.) etwa bietet in seinen Komödien Ablenkung von den Greueln einer kriegerischen Zeit und den Widrigkeiten des Alltags. Quelle: „Der Morgen der Welt“ von Bernd Roeck

Von Hans Klumbies

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