Aristoteles hat verschiedene Typen des Dialogs entwickelt

Es gibt siebzehn oder achtzehn Dialoge, die auf Aristoteles zurückgehen. Hellmut Flashar, der bis zu seiner Emeritierung Klassische Philologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität München lehrte, errechnet für die Dialoge des Aristoteles einen Umfang von etwa 1.000 Seiten im Format einer modernen Ausgabe. Das entspricht mehr als einem Drittel des Gesamtwerks von Platon, aber nur etwa zehn Prozent der aristotelischen Schriften. Aristoteles wollte nicht die Dialoge seines Lehrers Platon epigonal fortsetzen, sondern hat von Anfang an eine Aufsehen erregenden Neuerung eingeführt. Hellmut Flashar erklärt: „Er hat sich selber zum Dialogpartner gemacht – ein Zeichen hohen Selbstbewusstseins, mit dem er in der Akademie allein stand. Niemand ist dieser Neuerung gefolgt; erst 400 Jahre später hat Cicero sie aufgegriffen, der sich dafür ausdrücklich auf Aristoteles beruft.“

Die meisten Dialoge hat Aristoteles während seiner Zeit an der Akademie verfasst

Mit dieser Neuerung hat Aristoteles laut Hellmut Flashar der Gattung Dialog eine ganz neue Wendung gegeben. Denn der fiktive Aristoteles kann nur sagen, was der wirkliche Aristoteles denkt. Zudem entwickelt sich dabei eine stärkere Bindung der verteidigten oder kritisierten Positionen an die unmittelbare Realität. Aristoteles hat verschiedene Typen des Dialogs entwickelt. Sicher ist, dass er die Methode eingeführt hat, in Rede und Gegenrede konträre Standpunkte zu vertreten. Dadurch gewann der Dialog Thesencharakter und führte zu einer zusammenhängenden Darlegung verschiedener Standpunkte.

Darüber hinaus soll Aristoteles auch das literarische Verfahren angewandt haben, seinen Büchern größerer Dialoge gesonderte Vorreden voranzustellen, wie es später auch Cicero praktizierte. Hellmut Flashar erklärt: „Grundsätzlich konnte Aristoteles in allen Phasen seines Lebens Dialoge schreiben, denn die Tradition des philosophischen Dialoges riss mit Platons Tod nicht ab.“ Vieles spricht seiner Meinung nach jedoch dafür, dass die meisten Dialoge des Aristoteles während seiner Zeit an der Akademie entstanden sind.

Aristoteles wollte die Dialoge einem breiteren Publikum zugänglich machen

Hellmut Flashar weist darauf hin, dass von den überlieferten Titeln seiner Dialoge vier mit Titeln platonischer Dialoge identisch sind: Symposion, Sophistes, Politikos und Menexenos. Den aristotelischen Dialog Eudemos erkennt Hellmut Flashar als Gegenstück zu Platons Phaidon konzipiert. Gemeinsam sind ihnen die Fragen nach Eigenart, Schicksal und Unsterblichkeit der Seele. Die Dialoge des Aristoteles zeigen auch, dass er umfassend bestrebt war, alle in der Akademie diskutierten Themen und Probleme auch nach außen hin, in der für ein breiteres Publikum angemessenen Form, darzustellen.

Helmut Flashar vermutet, dass Aristoteles, wie einst Platon selbst, mit kleinen und gängigen Themen angefangen hat, sie sie die Dialogtitel „Über Liebe“, „Über Lust“, „Über Reichtum“ anzeigen. Hellmut Flashar bedauert, das von dem vier Bücher umfassenden Dialog „Über die Gerechtigkeit“ der Nachwelt fast nichts erhalten geblieben ist. Wegen des riesigen Umfangs des Dialogs nimmt Hellmut Flashar unausweichlich an, dass darin eine große Auseinandersetzung mit Platons „Staat“ und damit der platonischen Konzeption der Gerechtigkeit vorgetragen wurde.

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.