Kein Mensch möchte als Steppenwolf enden

Ob eine Person tatsächlich die Auffassungen einer Gruppe teilt, ist manchmal zweifelhaft. Denn der sogenannte Gruppenreflex sorgt dafür, dass die eigenen Meinung zurückgehalten oder unterdrückt wird, weil die Gemeinschaft für das Überleben des Einzelnen sehr wichtig ist. Anja Förster und Peter Kreuz stellen klar: „Das Ausleben von Individualität steht dem Einzelnen also nie völlig frei, sondern ist immer mehr oder weniger eingedämmt.“ Ein Mensch neigt schon aus biologischen Gründen dazu, seine Individualität, sein Freiheitsstreben und seine Eigenständigkeit der Gemeinschaft unterzuordnen. Die Furcht als „Steppenwolf“ zu enden, ist einfach zu groß. Wenn ein Gruppenmitglied dennoch in einer bestimmten Frage „Nein“ sagt, dann betrifft dieses „Nein“ auch immer die Erwartungen und die Forderungen der Gruppe. Anja Förster und Peter Kreuz nehmen als Managementvordenker in Deutschland eine Schlüsselrolle ein.

Ein zu freies Individuum wird als Schwächung der Gruppe empfunden

Und dieses „Nein“ führt reflexhaft dazu, dass die Gruppe das vereinend sich verweigernde Individuum als fremd empfindet. Je stärker das Denken und Verhalten des Individuums von dem der Gruppe abweicht, desto fremder wird es empfunden. Anja Förster und Peter Kreuz wissen: „Aus Befremden wird Argwohn, Aus Argwohn wird Hass und aus Hass wird Hetze. Gemeinschaften können Individuen, die als Fremdkörper empfunden werden, enorm gefährlich werden.“ Alle Gemeinschaften mit starker Gruppenidentität haben ein feines Sensorium für Zugehörigkeit einerseits und Fremdheit andererseits.

Die Andersartigkeit Einzelner fällt sofort auf und wird schnell als unerträglich empfunden. Solche Situationen sind oft hoch emotional. Anja Förster und Peter Kreuz erklären: „Heutzutage entlädt sich dann zum Beispiel ein Shitstorm im Internet über den „Fremdkörper“, in früheren Zeiten fiel das Mob über ihn her und übte Lynchjustiz.“ Die Gesellschaft kann es nicht ertragen, dass jemand aus dem Rahmen fällt, weil jedes einzelne loyale Mitglied die Gruppe stärker macht. Ein zu freies Individuum wird als Schwächung der Gruppe empfunden, als Verlust, Makel oder Last.

Im Schutz der Gruppe werden unvorstellbare Gräueltaten begangen

Auch die Gruppe hat einen Überlebenstrieb, und da gilt: je mehr, desto besser. Eine Spaltung der Gruppe kann dazu führen, dass die verkleinerte Gemeinschaft nicht mehr überlebensfähig ist. Darum wehrt sie sich gegen „Spalter“. Umgekehrt: Je mehr Gleichgesinnte, desto besser fühlt man sich. In einer großen Gruppe haben Menschen das Gefühl automatisch im Recht zu sein. Wenn Millionen so denken wie man selbst, dann kann man wohl nicht falsch liegen. Große Gruppen sind darum in der Lage, schreckliche Dinge ohne Reue zu tun, alleine legitimiert durch das Gesetz der großen Zahl.

Anja Förster und Peter Kreuz fügen hinzu: „Indem sich die Menschen unter dem Gruppendruck der Mehrheit anschließen und ihr Verhalten anpassen, sind sie in der Lage Dinge zu denken und zu tun, die sie als freie Individuen niemals tun würden und die sie eigentlich gar nicht wollen.“ Nur mit diesem Effekt sind viele der schlimmsten Verbrechen der Menschheit überhaupt zu erklären. Das Muster passt beispielsweise auf das Dritte Reich, wo ganz „normale“ Bürger unter dem Schutz der Gruppe in Konzentrationslagern unvorstellbare Gräueltaten begingen. Quelle: „Nein“ von Anja Förster und Peter Kreuz

Von Hans Klumbies

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