Friedrich Nietzsche will denkend die Welt umgestalten

Friedrich Nietzsche stellt alles in Frage. Andreas Urs Sommer vertritt in seinem Buch „Nietzsche und die Folgen“ die These, dass ihm im Übergang vom letzten Ernst der ersten Werke zu ausgelassener Heiterkeit in späten Schriften die Lust zu unbedingten Festschreibungen immer mehr abhandenkam. Dennoch scheint er ein Denker zu sein, der zu Vereinseitigungen einlädt. Andreas Urs Sommer arbeitet in seinem Buch heraus, was seinen Lesern heute noch von Friedrich Nietzsches Denken bleibt. Das Buch erschließt, welchen Rollen Friedrich Nietzsche auf so unterschiedlichen Feldern wie der Literatur und der bildenden Kunst oder der Religion und der Politik bis heute spielt. Andreas Urs Sommer lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i. B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

„Also sprach Zarathustra“ ist das rätselhafteste Werk Friedrich Nietzsches

Friedrich Nietzsche ist ein Philosoph, der Lehren als intellektuelle und existentielle Experimente benutzte. Seine Philosophie ist keine Lehre, sondern ein Tun, eine Praxis der denkenden Umgestaltung der Welt. Nach Friedrich Nietzsche soll die Philosophie unmittelbar relevant sein für das menschliche Leben und für die Art und Weise wie man es zu führen hat. In seiner Schrift „Die Geburt der Tragödie“ geht Friedrich Nietzsche von einem ernsten Krisenbefund aus, einer Welt, die sich im Zustand innerer Zersetzung befindet.

Mit seinem Werk „Morgenröthe“ beginnt Friedrich Nietzsches Feldzug gegen die Moral. Dabei handelt es sich vor allem um Denk- und Sprachexperimente. Um seine philosophischen Schriften verwirklichen zu können, scheint er die Einsamkeit gebraucht zu haben: „Wenn immer ein anderer um uns ist, so ist das Beste von Muth und Güte in der Welt unmöglich gemacht.“ Das rätselhafteste aller Werke Friedrich Nietzsches ist zweifellos „Also sprach Zarathustra“. Es ist ein fast undurchdringliches Gewebe aus angerissenen Ideen, persönlichen Erlebnissen, gottlos-religiösen Visionen, dunklen Prophetien und funkelnden Streitgesprächen.

Friedrich Nietzsche wollte ein andere philosophische Praxis und Lebensform

Friedrich Nietzsches Wirkung auf spätere Generationen ist keineswegs auf Gelehrte und Philosophen beschränkt geblieben. Nietzsche sei „das größte Ausstrahlungsphänomen der Geistesgeschichte“ meinte 1950 der Dichter Gottfried Benn. Für Schriftsteller wurde Friedrich Nietzsche europaweit ebenso zum einschneidenden Erlebnis wie für bildende Künstler, für die Pädagogik ebenso wie für die Psychoanalyse. Und da ist auch sein Einfluss auf die politische Meinungsbildung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Friedrich Nietzsche wollte eine andere philosophische Praxis, eine andere philosophische Lebensform. Philosophische Lebensformen ergeben sich allerdings nicht aus der Nachahmung, sondern als Antwort auf die Umstülpungen und Verheerungen, die Friedrich Nietzsches Texte bei den Lesern anrichten. Andreas Urs Sommer beschließt sein Buch mit folgenden schönen Sätzen: „Hätte es Nietzsche nicht gegeben, müsste man ihn erfinden. Um uns vielleicht unsanft, aber bestimmt ins schreckliche und schöne Abenteuer der weltanschaulichen Unbehaustheit zu stoßen.“

Nietzsche und die Folgen
Andreas Urs Sommer
Verlag: J. B. Metzler
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten, Auflage: 2017
ISBN: 978-3-476-02654-0, 16,95 Euro

Von Hans Klumbies

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