Allan Guggenbühl erklärt die Aufgaben des öffentlichen Diskurses

Die Vermittlung von Informationen, Kontrolle und Aufklärung sind Aufgaben, die man dem öffentlichen Diskurs zuschreibt. Erfüllt er einer dieser Aufgaben nicht, reagieren viele Bürger mit Befremden. Allan Guggenbühl fügt hinzu: „Der öffentliche Diskurs hat jedoch noch eine andere Aufgabe: Er liefert Material und Hintergrundszenarien, damit wir unser Dasein, uns selbst und unsere Mitmenschen ertragen und verstehen.“ Der öffentliche Diskurs hat die Rolle des Erzählers übernommen, wie es früher der Schamane oder Dorfweise tat. Wie und was ein Mensch denkt, hängt von seinem Beeinflussungsgrad durch den öffentlichen Diskurs ab. Um den roten Faden des öffentlichen Diskurses mit Klugheit zu verstehen, muss man über ihren Einfluss auf die Psyche nachdenken. Allan Guggenbühl ist seit 2002 Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig. Außerdem fungiert er als Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich.

Existentielle Ängste brauchen ein Ventil

Gemeinschaften brauchen Geschichten. Sie transportieren Informationen, wecken Emotionen, sensibilisieren. Geschichten sind jedoch auch eine Möglichkeit, Ängste zu platzieren. Allan Guggenbühl erklärt: „Angst ist nicht nur eine Reaktion auf eine reale Gefahr, sondern wir bauen auch eigens Szenarien auf, die uns Angst einflößen, damit wir mit latenten Ängsten besser umgehen können. Existentielle Ängste wie die Angst vor dem Tod, vor einer Krankheit, einem Überfall, einer persönlichen Katastrophe brauchen ein Ventil.“

Eine Aufgabe des öffentlichen Diskurses ist darum, in periodischen Abständen für diese Ängste Begründungen oder gute Geschichten zu liefern. Reale oder vermeintliche Gefahren werden nicht nur nach dem Grad der Schwere oder der Wahrscheinlichkeit des Eintritts eingeschätzt, sondern auch nach ihrem Inszenierungspotential. Die Ängste können besser projiziert und ausgelebt werden, wenn den Menschen ein dramatisches Ereignis mit vielen Betroffenen präsentiert wird. Die Verbreitung von schrecklichen Informationen hat auch den Zweck, Beschäftigungshandlungen auszulösen.

Die Masse liebt das Psychodrama

Die meisten Menschen machen dann irgendetwas, um sich zu beruhigen. Sie demonstrieren gegen die Erwärmung des Klimas oder rassistische Übergriffe auf Flüchtlinge. Sie können ihre Angst mit den Mitmenschen teilen. Allan Guggenbühl erläutert: „Der öffentliche Diskurs hat uns sensibilisiert und Handlungen evoziert, mit denen wir uns mit unseren existentiellen Ängsten auseinandersetzen und sie vielleicht sogar bewältigen können. Der Diskurs wirkt als Therapeutikum.“ Es ist schwierig, Angstmacherei und Hysterie von realen Gefahren zu unterscheiden.

Anders als man denkt, geht es beim öffentlichen Diskurs nicht nur um Inhalte, sondern auch um die Reaktionen, die diese auslösen. Wenn man nur auf den Inhalt fokussiert ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man nicht realisiert, dass die Sachinformation auch ein Mittel dafür ist, das Bedürfnis nach Entrüstung zu befriedigen. Damit dies funktioniert, müssen Themen eingebracht werden, die Emotionen wecken. Die Masse will ein öffentliches Psychodrama, an dem man sich lustvoll beteiligen kann, und nicht einen rationalen Diskurs, wie es dem Philosophen Jürgen Habermas vorschwebt. Quelle: „Die vergessene Klugheit“ von Allan Guggenbühl

Von Hans Klumbies


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